Homer.  315

Schülern  Steine  statt  des  Brotes  und  verkennt  die  Aufgabe  der  Schulinterpretation,
  die  doch  keine  andere  ist,  als  das  Wort  des  alten  Schriftstellers  verständlich
  zunächst,  sodann  lebendig  und  wirksam  zu  machen.  Auch  schadet  es
nichts,  wenn  auch  relativ  spät  entstandene  Stücke  epischen  Gesanges  gelesen
werden.  Doch  soll  man  von  den  Kämpfen  der  Ilias  möglichst  viel  ungelesen
lassen.  Selbst  das  moderne  Kindesalter  findet  derartiges  langweilig  und  verlangt
  nach  einer  in  psychologischer  Hinsicht  gehaltvolleren  Kost.  Die  Hauptsache
  ist,  daß  der  Schüler,  in  Homer  sich  einlesend,  Welt  und  Leben  mit  den
Augen  einer  fernen,  bei  aller  Einfachheit  als  natürlich  und  glücklich  entwickelt
geltenden  Menschheit  ansehen  lerne.  Homer  soll  ihm  bei  seinem  Drange  nach
Erkenntnis  seiner  selbst  und  der  anderen  helfend  entgegenkommen.  Wer  dieses
Ziel  im  Auge  behält,  der  wird  die  Bestandteile  seiner  Erklärung  nach  den
Graden  ihrer  Wichtigkeit  in  ein  richtiges  Verhältnis  zueinander  zu  bringen
wissen.  Es  wäre  doch  eine  wunderliche  Art,  Homer  zu  erklären,  wenn  man
fortwährend  von  Bemerkungen  und  Erörterungen  über  Topographisches,  Geographisches,
  Astronomisches  bei  Homer  überfließen  wollte,  jede  Gelegenheit  benutzen,
  um  das  Homerische  Haus  und  Hausgerät,  die  Kleidung  der  Männer
und  Frauen,  die  Schmucksachen  und  Waffen,  das  Homerische  Schiff  in  allen
seinen  Teilen  eingehend  zu  beschreiben,  an  die  Tafel  zu  malen,  in  Abbildungen
oder  gar  Nachbildungen  vorzuzeigen,  über  die  Mahlzeiten  bei  Homer,  über  Herrichtung
  der  Speisen  und  des  Trankes,  über  Trinkgefäße  sehr  vieles,  dagegen
nur  selten  etwas  über  das  Innere  jener  Menschen  anzumerken  fände  und  auch
die  zahlreichen  Offenbarungen  des  Menschlichen,  die  die  Homerische  Sprache
bietet,  unausgenutzt  ließe.  Von  viel  größerer  Wichtigkeit  als  jene  eben  aufgezählten
  Realien  sind  die  gesellschaftlichen  und  staatlichen  Verhältnisse  des
heroischen  Zeitalters  sowie  alles,  was  die  Familie  betrifft.  In  diese  Dinge  sich
vertiefend,  wird  man  freier  und  lernt  in  dem  Gegenwärtigen  das  Zufällige  von
dem  Wesentlichen  unterscheiden.  Noch  wichtiger  aber  sind  die  religiösen  und
moralischen  Empfindungen.  Was  die  ersten  betrifft,  so  treten  sie  freilich  in
der  poetisch  gestalteten  Götterwelt  Homers  nicht  deutlich  zutage.  Aber  seine
Menschen  haben  alle  ein  einfaches  und  klares  Wollen:  dem  instinktiven  Verlangen
  der  Jugend  nach  Erkenntnis  ihrer  selbst  wie  der  anderen  kommen  sie
in  der  glücklichsten  Weise  entgegen.  Für  die  fachwissenschaftliche  Beschäftigung
  mit  Homer  ist  es  ja  natürlich  von  Interesse,  das  Verhältnis  der  homerischen
  Kultur  zu  der  von  Mykene  und  die  historischen  Elemente  der  troischen
Sage  zu  erforschen  und  hier  und  da  einen  Rest  älterer  religiöser  Vorstellungen
im  ionischen  Epos  aufzudecken,  auch  die  äußere  Kultur  möglichst  weit  zurückzuverfolgen
  und  auch  der  Entwicklung  der  epischen  Sprache  mit  unverdrossenem
Fleiße  nachzuspüren:  für  die  Schule  gilt  es,  Homer  zu  einem  ÖOffenbarer  des
menschlichen  Innern  zu  machen  und  in  seiner  Gesundheit  und  Einfachheit  ein
Korrektiv  für  das,  was  in  der  modernen  Seele  ungesund,  manieriert,  kompliziert
ist,  finden  zu  lassen.

Einen  allgemein  verbindlichen  Kanon  für  die  Homerlektüre  aufzustellen
empfiehlt  sich  nicht.  Jedenfalls  läßt  es  sich  in  den  zahlreichen,  diesen  Dich-