316  WeissenreLs:  Das  Griechische.

tungen  gewidmeten  Stunden  erreichen,  daß  das  Ganze  in  den  Seelen  der  Schüler
lebendig  werde.  Bei  den  Rekapitulationen  am  Anfange  der  Stunde  findet  sich
ja  immer  Gelegenheit,  die  Lücken,  welche  die  Klassenlektüre  etwa  gelassen  hat,
auszufüllen  und  alles,  was  die  Handlung  sowie  die  Charaktere  und  das  äußere
und  innere  Leben  der  Homerischen  Menschen  Bemerkenswertes  haben,  immer
von  neuem  und  von  neuen  Seiten  zu  beleuchten.  Was  in  den  in  der  letzten
Stunde  gelesenen  Versen  geschehen  ist,  läßt  sich  in  einer  Minute  von  dem
Schüler  referieren.  Dann  aber  kommt  erst  die  Hauptsache.  Alle  Gelegenheiten,
sowohl  die,  welche  die  Erzählung  als  die,  welche  die  Sprache  selbst  bietet,  um
Blicke  in  das  Innere  jener  Menschen  zu  werfen,  müssen  ausgenutzt  werden,  um
ein  lebendiges,  zum  Mitempfinden  und  Mitdenken  förmlich  zwingendes  Bild  erstehen
  zu  lassen.  Alle  Fülle  Homerischer  Realien  würde  keinen  Ersatz  bieten
können,  wenn  die  Homerischen  Gestalten  dem  Schüler  nicht  viel  mehr  als
Schatten  und  Namen  blieben.  Übrigens  hat  auch  die  kraftloseste  Phantasie
Kraft  genug,  um  sich  das  Äußere  einer  fernen  Zeit,  instinktiv  die  gegenwärtigen
Gegenbilder  vereinfachend,  verständlich  zu  machen.  Allerdings  wird  die  Wirkung
  eines  Bildes  durch  einen  genau  passenden  Rahmen  erhöht.  Ist  das  aber
ein  Grund,  den  Rahmen  für  das  Wichtigere  zu  halten?  Heute,  in  der  Periode
der  Ausgrabungen,  ist  Gefahr,  daß  das  Gymnasium,  welches  doch  fortfährt  sich
humanistisch  zu  nennen,  durch  archäologische  Quisquilien  überflutet  werde.  Man
geht  in  der  Illustrierwut  wirklich  zu  weit.  Über  die  Kleidung  der  Männer  und
Frauen  z.  B.  wird  in  Schulausgaben  mit  einer  Ausführlichkeit  gehandelt,  als
gelte  es,  unsere  Zöglinge  zu  antiken  Männer-  und  Frauenschneidern  zu  bilden.
Damit  das  Sehen  gelernt  werde,  werden  auch  Abbildungen  hinzugefügt,  mit
gräßlichen,  nicht  bloß  archaischen,  sondern  vorsintflutlichen  Gesichtern.  Um
noch  sicherer  zu  gehen,  wollen  andere  derartiges  dem  Schülerauge  sogar  in
körperlicher  Ausführung  darbieten.  Das  sind  Abwege:  auf  diese  Weise  wirkt
man  mehr  hemmend  als  fördernd  auf  die  Fähigkeit  des  Sehens.

Die  Odyssee  stellt  eine  in  psychologischer  und  ethischer  Hinsicht  höhere
Entwicklungsstufe  dar  als  die  Ilias,  wird  aber  bei  uns  an  erster  Stelle  gelesen.
Mit  Rücksicht  auf  die  der  kindlichen  Phantasie  zusagende  Märchenfreudigkeit
dieser  Dichtung  mag  es  auch  so  bleiben.  Den  großen  leidenschaftlichen  Szenen
der  Ilias  würde  erst  das  gärende  Jünglingsalter  das  erforderliche  Verständnis
entgegenbringen.  Eine  passende  Auswahl  zu  treffen,  wenn  die  Zeit  für  das
Ganze  nicht  ausreicht,  kann  keinem  leidlich  geschickten  Lehrer  schwer  werden.
Was  die  Odyssee  betrifft,  so  wird  man  sich,  natürlich  nachdem  die  Götterversammlung
  im  Anfange  des  ersten  Buches  gelesen  worden  ist,  am  leichtesten
entschließen,  auf  Telemachs  Reise,  ferner  auf  das  fünfzehnte,  achtzehnte  und
zwanzigste  Buch  zu  verzichten.  Das  vierundzwanzigste  Buch  hingegen  beweist,
daß  Abschnitte  der  Homerischen  Dichtung  interessant  und  wertvoll  sein  können,
auch  wenn  sie  späteren  Ursprungs  sind.  Anders  steht  es  mit  der  Ilias.  Es
sind  eine  Menge  nichtssagender,  langweiliger  Kampfesszenen  darin.  Diese  alle
in  der  Klasse  lesen  zu  lassen,  wäre  ein  Raub  an  dem  Besseren.  Zu  dem  nicht
Auszulassenden  aber  gehören  auch  die  SoAaveıa  (X)  und  die  "Exrogog  Avrga