318  Weıssewrzıs:  Das  Griechische.

Dias.  Z.G.  W.  1901.  —  Muff,  Chr.,  Der  Zauber  der  Homerischen  Poesie.  Erfurt,
Villaret.  —  Keim,  Fr.,  Programmabhandlung.  Karlsruhe  1891  (Odysseeauswahl).
—  Lange,  A,  L.L.  43.  —  Willmann,  O.,  Die  Odyssee.  Leipzig,  Grübner.

8.  Man  hat  selbst  heute  nicht  nötig,  zu  beweisen,  daß  Sophokles  gelesen
werden  müsse.  Nur  über  den  Umfang  der  Sophokleslektüre  ließe  sich  streiten.
Unter  den  Stücken  des  Sophokles  ist  allerdings  eines,  welches  von  der  Schule
fast  in  die  Acht  getan  zu  sein  scheint,  die  Trachinierinnen.  A.  W.  v.  Schlegel
hat  über  dieses  Stück  ein  keck  absprechendes  Urteil  gefällt.  Seitdem  ist  es
aus  dem  Repertoir  der  Schule  wie  verschwunden.  Gleichwohl  war  die  Kritik,
die  Schlegel  an  diesem  Stücke  geübt  hatte,  damals  von  berufener  Seite  widerlegt
  worden.

Vor  allem  muß  man  sich  auch  bei  Sophokles  gesagt  sein  lassen,  daß  die
Schulinterpretation  sich  nicht  an  die  Probleme  verlieren  darf,  die  heute  im
Vordergrunde  der  historischen  Literaturforschung  stehen.  Zu  diesen  gehört  die
zeitliche  Fixierung  der  einzelnen  Tragödien,  das  Forschen  nach  den  Quellen,
die  Rekonstruktion  verloren  gegangener  Stücke,  welche  denselben  Stoff  behandelten,
  die  Verteilung  der  Rollen,  die  Überarbeitung,  die  mit  dem  Stücke
bei  einer  späteren  Aufführung  vorgenommen  worden  ist  usw.  Alles  dieses
sollte  nur  dann  bei  der  Schulinterpretation  zugelassen  werden,  wenn  sich  daraus
ein  nennenswerter  Ertrag  für  das  Verständnis  des  Dichters  gewinnen  läßt,  und
selbst  dann  soll  man  sich  ohne  weitere  historisch-philologische  Untersuchungen
an  dem  feststehenden  Schlußresultate  genügen  lassen.  Man  soll  möglichst  schnell
zur  Sache  kommen  und  sich  nie  länger,  als  durchaus  nötig  ist,  von  der  Sache
entfernen.  In  der  Wissenschaft,  besonders  wenn  viele  daran  teilnehmen,  muß
immer  für  neue  Probleme  gesorgt  werden,  und  bisweilen  ist  selbst  von  Punkten
aus,  die  einem  ernsten  Menschen  kaum  ernster  Beachtung  würdig  scheinen
konnten,  auf  das  Wesentliche  ein  überrsschendes  Licht  gefallen;  aber  die  Schule
darf  der  an  windigen  Hypothesen  reichen  fachwissenschaftlichen  Überproduktion
nur  zögernd  folgen.  Sonst  ist  zu  fürchten,  daß  für  das,  was  vor  allem  zu
sagen  not  tut,  keine  Zeit  übrigbleibt.  Daß  der  Ödipus  auf  Kolonos  das  Werk
des  hochbetagten  Sophokles  ist,  das  zu  sagen,  genügt  ein  Augenblick.  Auch
läßt  sich  aus  dieser  Notiz  etwas  für  das  Verständnis  dieser  Tragödie  gewinnen.
Es  ist  also  keine  bloß  äußerliche  chronologische  Notiz.  Von  größtem  Interesse
ist  es,  im  Philoktet  die  Abweichungen  von  der  Sage  zu  betrachten,  durch  welche
der  Dichter  seinen  Stoff  dramatisch  gestaltet  hat.  Man  kann  daraus  erkennen,
mit  wie  scheinbar  geringfügigen  Mitteln  Sophokles  große  Wirkungen  erzielt.
Nicht  Diomedes,  sondern  der  einfache,  unschuldige,  von  den  Netzen  der  List
und  Klugkeit  noch  nicht  umgarnte  Neoptolemus  ist  hier  der  Genosse  des
Odysseus.  Aus  dieser  Änderung  leitet  sich  die  ganze,  in  dramatischer  wie  in
psychologischer  Hinsicht  gleich  glückliche  Verwicklung  des  Stückes  her.  Die
gewaltigste  unter  seinen  Tragödien  ist  die  Elektra,  trotz  des  etwas  frostigen
Orestes  und  des  stummen  Pylades.  Die  Schilderung  des  Seelenzustandes  der
Elektra  übertrifft  alles,  was  er  geschrieben  hat.  Ihre  wilde  Freude  beim  Morde
der  Mutter  ist  das  notwendige  Produkt  ihres  Charakters  und  der  Umstände,