Sophokloe,  319

unter  welchen  er  sich  entwickelt  hat.  Der  Todesschrei  Klytämnestras  klingt
ihrem  Ohre  wie  Musik.  Wer  mit  so  reifer  Kunst  Gesteigertes  nicht  ertragen
kann,  für  den  ist  die  Wirkung  der  Tragödie  überhaupt  zu  stark.  Antigone,
die  am  meisten  gepriesene  von  den  Tragödien  des  Sophokles,  ist  von  einer
weniger  tief  wurzelnden  Menschlichkeit  als  Elektr.  Am  meisten  Beziehungen
freilich  zur  deutschen  Literatur  haben  der  König  Ödipus  und  der  Philoktet,
das  erste  Stück  als  Schicksalstragödie,  das  andere,  weil  es  für  Lessing  und
Herder  Ausgangspunkt  für  kritische  Erörterungen  geworden  ist.

Die  dramatischen  Aufführungen  fanden  bei  den  Griechen  unter  Bedingungen
statt,  die  von  den  für  das  moderne  Drama  maßgebenden  durchaus  verschieden
sind  und  auf  die  Entwicklung  des  griechischen  Dramas  einen  sichtlich  bestimmenden,
  teils  fördernden,  teils  hemmenden  Einfluß  ausüben  mußten.  Es  ist
deshalb  durchaus  nötig,  der  Lektüre  des  Sophokles  eine  durch  Abbildungen
unterstützte  Erklärung  der  skenischen  Altertümer  vorauszuschicken,  natürlich
obne  sich  damit  an  umstrittene  Kleinigkeiten  zu  verlieren.  Auch  die  seltsame
Erregung  des  Dionysoskultus,  das  Wesen  der  Ekstase,  des  evdovosnauös  muß
dem  nordischen  Empfinden  des  Schülers  nahe  gebracht  werden.  Dabei  werden
sich  Beziehungen  zu  der  Religion  der  Griechen  überhaupt  und  zu  ihren  sakralen
Altertümern  ergeben.  Über  Sophokles’  Leben  ist  nicht  viel  zu  sagen.  Von
den  Zügen  seines  Geistes  wird  die  berühmte  Statue  des  Lateranischen  Museums
schnell  ein  richtiges  Bild  verschaffen.  Selbst  das  Kunstarchäologische  darf  auf
der  Schule  nur  ein  unterstützendes  Mittel  zunı  Zwecke  der  Erklärung  sein.
Auch  das  Metrische  ist  mit  weiser  Beschränkung  zu  behandeln,  vor  allem  schon
deshalb,  weil  die  Fassungskraft  der  Schüler  diesen  Fragen  gegenüber  eine  so
sehr  verschiedene  ist.  Der  Lehrer  sorge  nur  dafür,  sich  selbst  im  Vorlesen  zu
üben.  Wer  durch  seine  Art  zu  lesen  die  scheinbaren  Kapricen  des  Rhythmus
als  etwas  psychologisch  Bedeutsames  empfinden  und  erkennen  läßt,  der  hat  damit
  die  Hauptwirkung  erreicht.  Was  in  der  Gestaltung  der  Rhythmen  äußerlich
  betrachtet  als  reine  Willkür  erscheint,  wird  verständlich  und  sinnvoll,  wenn
man  es  aus  den  natürlichen  Bedürfnissen  des  Ohres  erklärt  und  auf  die  Gegenbilder
  davon  in  der  modernen  Musik  hinweist.  Vor  allem  suche  der  Lehrer
selbst  Übung  im  Erkennen  des  Rhythmus  zu  gewinnen.  Sonst  wird  ihn  die
Hilfe,  die  durch  die  Ausgaben  gewährt  wird,  mehr  verwirren  als  aufklären.
Es  kommt  alles  darauf  an,  eine  kleine  Anzahl  von  rhythmischen  Prinzipien  sich
zum  Bewußtsein  gebracht  zu  haben.  Man  erkläre  sie  dann  den  Schülern,  frage
aber  die  gegebenen  Erklärungen  nicht  in  der  nächsten  Stunde  wieder  ab.
Übrigens  kann  einer  im  übrigen  ein  tüchtiger  Lehrer  des  Griechischen  sein,
aber  trotz  aller  Kenntnis,  selbst  in  metrischen  Dingen,  vollständig  ohne  alles
natürliche  Verständnis  für  diese  Fragen.  Ein  solcher  wird  gut  tun,  sich  über
die  Erklärung  des  jambischen  Trimeters  nicht  zu  weit  hinauszuwagen.

Was  die  sprachliche  Erklärung  des  Sophokles  betrifft,  so  ist  sie  denselben
Gesetzen  unterworfen  wie  die  Erklärung  der  anderen  alten  Schriftsteller.  Man
lese  langsam,  doch  nicht  zu  langsam.  Man  gehe  den  Schwierigkeiten  nicht  aus
dem  Wege,  übe  sich  und  die  Schüler  aber  auch  nicht  im  Stolpern  über  Stroh-