320  Weissenreis:  Das  Griechische.

halme.  Wie  soll  man  sich  aber  den  Chorliedern  gegenüberstellen?  Sie  zu
verstehen,  reicht  das  Griechisch  der  Schüler  und  oft  auch  nicht  das  Griechisch
des  gelehrtesten  Philologen  aus.  Aber  nicht  bloß  Äschylus’  Tragödien,  auch
die  des  Sophokles  würden  durch  Auslassung  der  Chorlieder  geradezu  verstümmelt
  werden.  Da  bleibt  kein  anderer  Ausweg,  als  daß  der  Lehrer,  durch  eine
vorausgreifende  Erklärung  des  Gedankens  dem  Schüler  entgegenkommt.  Die
heutigen  Ausgaben  bieten  dem  Schüler  für  die  Präparation  keine  ausreichende
Hilfe,  die  von  Bellermann  ausgenommen.  Dann  müßte  man  den  Schüler,  zum
Helfen  selbst  auf  Schritt  und  Tritt  bereit,  ohne  vorhergehende  Vorbereitung,
das  Chorlied  übersetzen  und  es,  womöglich  noch  in  derselben  Stunde,  nachübersetzen
  lassen.  Übrigens  hüte  man  sich  vor  einem  lügnerischen  Enthusiasmus.
  Der  prächtigen  und  feierlichen  Ausstaffierung  entspricht  in  dieser  Gattung
der  Poesie  nicht  immer  die  Größe  des  Gedankens.  Man  begegnet  in  ihr  auch
viel  aufgebauschten  Nichtigkeiten.

Hinsichtlich  der  sachlichen  Interpretation  genügt  es  natürlich  auch  hier
nicht,  übersetzen  und  nachübersetzen  und  am  Anfange  jeder  Stunde  das  in  der
vorhergehenden  Gelesene  rekapitulieren  zu  lassen.  Auch  eine  griechische  Tragödie
  muß  doch  ästhetisch  und  literarisch  erklärt  werden.  Für  die  ästhetische
Erklärung  kommen  zunächst  die  Formulierungen  der  Aristotelischen  Poetik  in
in  Betracht.  Doch  bieten  diese  nur  einen  Vorkursus  der  Ästhetik.  Sie  haben
eine  lichtschaffende  Kraft,  aber  man  kann  sich  heute  daran  nicht  genügen
lassen.  Sodann  wäre  auf  die  Hamburgische  Dramaturgie  Lessings  zu  verweisen.
In  dieser  muß  der  Lehrer  des  Griechischen  und  Lateinischen  ganz  zu  Hause
sein.  Trifft  Lessing  auch  nicht  immer  das  Richtige,  so  sind  doch  selbst  seine
Irrtümer  instruktiv.  Allein  auch  über  ihn  treibt  es  uns  heute  hinaus.  Ist  er
ja  doch  auch  nur  ein  Vorläufer  der  Ästhetik.  Jedenfalls  muß  sich  der  Erklärer
des  Sophokles  außerdem  noch  mit  der  Ästhetik  Goethes  und  Schillers  vertraut
gemacht  haben.  Zunächst  würde  von  der  Ökonomie  des  Stückes  die  Rede  sein
müssen.  In  dieser  Hinsicht  pflegt  des  Guten  zu  viel  getan  zu  werden.  Von
den  früheren  Gestalten  der  Sage  rede  man  nur  in  den  Fällen,  wo  Sophokles,
wie  eben  an  dem  Beispiel  des  Philoktet  gezeigt  wurde,  durch  eine  Abweichung
bedeutende  dramatische  oder  poetische  Wirkungen  erzielt  hat.  Die  Hauptsache
aber  bleibt  die  psychologische  Erklärung.  Der  Schüler  muß  mit  den  antiken
Menschen,  die  der  Dichter  vor  ihm  hinstellt,  fühlen  und  denken  lernen.  Dahiu
ist  durch  die  Bekanntschaft  mit  dem  Stoffe  der  Tragödie  allein  nicht  zu  gelangen:
  das  Joch  der  fremden  Sprache  geduldig  auf  sich  nehmend,  muß  er,
langsam  und  mit  einer  nichts  vernachlässigenden  Aufmerksamkeit  lesend,  der
Entwicklung  der  inneren  Zustände  folgen.  Sich  in  einige  von  einem  wahren
antiken  Dichter  gezeichnete  Charaktere  vertiefend,  gelangt  man  in  der  Erkenntnis
  dessen,  was  für  die  modernen  Bildungsziele  aus  dem  Altertum  wesentlich
ist,  weiter  als  wenn  man  vielbändige  Darstellungen  der  griechischen  und  römischen
  Geschichte  liest.  Dazu  bieten  die  Uharaktere  der  antiken  Tragödie  den
Vorteil,  daß  sie  leicht  zu  analysieren  sind:  nicht  die  feine  Nuancierung,  sondern
die  klare  Ausprägung  psychologischer  Hauptsachen  ist  ihre  Stärke.  Ebendes-