Auswahl  sus  anderen  griechischen  Schriftstellern.  321

halb  bieten  sie  dem  jugendlichen  Geiste  inmitten  der  verwirrenden  modernen
Kultur  eine  so  gesunde  Kost.  Sophokles  lesend,  stärkt  man  in  sich  das  natürliche
  menschliche  Empfinden:  von  dem  idealen  Streben  des  Menschen,  von
seinem  Ringen  und  Scheitern  gibt  die  moderne  Poesie  glänzendere  und  gewaltigere
  Beispiele.

Doch  die  zwei  Tragödien  des  Sophokles,  die  man  Zeit  findet  mit  dem
Schüler  zu  lesen,  sollen  ihm  zugleich  die  griechische  Tragödie  überhaupt  darstellen.
  Bei  der  psychologischen  Durcharbeitung  des  Gelesenen  bieten  sich
Gelegenheiten,  die  Stoffe  anderer  Tragödien  mit  in  den  Kreis  der  Betrachtung
zu  ziehen.  Und  was  hindert,  gelegentlich  stillzustehen  und  den  Inhalt  eines
anderen  Stückes  geradezu  zu  skizzieren?  Als  Schlußresultat  genügt  jedenfalls
nicht,  daß  der  Schüler  zwei  Tragödien  des  Sophokles  übersetzt  hat,  er  muß  die
griechische  Tragödie  überhaupt  kennen  gelernt  haben.  Sehr  wünschenswert  ist
außerdem,  daß  der  Lehrer  des  Griechischen  ästhetische  und  literarische  Bildung
genug  besitze,  um  die  griechische  Tragödie  auch  mit  der  modernen  zu  vergleichen.
  Das  würde  tief  hineinführen  in  den  Geist  des  Altertums  wie  der
modernen  Zeit.

Äschylus  ist  für  die  Schule  zu  schwer.  In  einer  auf  die  Bedürfnisse  des
humanistischen  Gymnasiums  berechneten  Chrestomathie  könnten  aber  folgende
Stücke  Aufnahme  finden:  der  Anfang  des  Prometheus  (Prometheus,  von  Kratos
und  Bis  an  den  Gipfel  des  Kaukasus  geschmiedet,  und  der  Monolog  des  Prometheus,
  bis  zum  Auftreten  der  Okeaniden),  die  Anfänge  der  menschlichen
Zivilisation,  436—506,  aus  den  Persern  der  Traum  der  Atossa  und  die  sich
daran  schließende  Szene  in  trochäischen  Tetrametern  (176—248),  aus  dem
Agamemnon  der  Eingangsmonolog  des  Wöächters,  aus  den  Choephoren  die  Verabredung
  des  Racheplans  zwischen  Orest  und  Elektra  (479—584).  Auf  eine
Anzahl  anderer,  die  sich  durch  ihren  Inhalt  empfehlen,  würde  wegen  der  sprachlichen
  Schwierigkeiten  verzichtet  werden  müssen.

Auf  Euripides  zu  verzichten,  liegt  für  das  Gymnasium  kein  Grund  vor.
Erstens  ist  es  lehrreich,  die  Weiterentwicklung  der  dramatischen  Kunst  bei  ihm
zu  studieren,  sodann  ist  der  absolute  poetische  und  dramatische  Wert  seiner
besseren  Stücke  ein  sehr  hoher,  drittens  ist  er  reich  an  Keimen,  die  in  den
modernen  Literaturen  eine  fruchtbare  Pflege  gefunden  haben,  schließlich  ist
seine  Sprache  so  klar  und  von  allem  rpayıxög  Öyxos  Bo  gesäubert,  daß  sie  auch
von  reifen  Primanern  leicht  verstanden  wird.  In  erster  Linie  kommen  von
seinen  Stücken  für  die  Schule  in  Betracht:  die  Medes,  der  Hippolytus,  die
Alkestis,  die  Hekuba,  die  Bacchantinnen,  die  beiden  Iphigenien.  Auch  in  historischer
  Hinsicht  ist  Euripides  interessant,  falls  man  unter  Geschichte  etwas
Höheres  versteht  als  Kämpfe  und  kleine  territoriale  Verschiebungen.

Richter,  G.,  Zur  Einführung  in  die  griechischen  Tragiker.  L.L.  7.  —  Muff,  Chr.,
Sophokles  in  der  Schule  NJ.  1904.  —  Weißenfels,  O.,  Die  Entwicklung  der
Tragödie  bei  den  Griechen.  Gütersloh.

9.  Außer  den  oben  behandelten  Schriftstellern  werden  in  mehreren  deutschen
Staaten  zur  Ergänzung  noch  einige  andere  gelesen.  So  empfehlen  die  hessi-Handbuch

  für  Lehrer  höherer  Schulen.  21