I.  Der  neusprachl.  Unterricht  im  19.  Jahrhundert:  Die  grammatisierende  Richtung.  323

FRANZÖSISCH  UND  ENGLISCH.‘
Von  Prof.  Dr.  O.  BoERNER  und  Prof.  Dr.  E.  STIEHLER.

I.  DER  NEUSPRACHLICHE  UNTERRICHT  IM  19.  JAHRHUNDERT.
DIE  GRAMMATISIERENDE  RICHTUNG  UND  DIE  REFORM.

Wie  ein  Blick  in  die  heutigen  Lehrpläne  der  höheren  Schulen  Deutschlands
dartut,  sollen  die  neueren  Sprachen  in  denselben  nicht  ausschließlich  ihres  praktischen
  Nutzens  wegen  betrieben  werden,  sondern  vielmehr  als  wichtige
Bildungsmittel  des  erziehenden  Unterrichts?)  Hat  es  die  formale
Seite  desselben  hauptsächlich  mit  der  Verstandesbildung  zu  tun,  so  soll  das
materielle  Element  besonders  Gemüt  und  Willen  bilden.  In  diesem  höheren
Ziele  nun  unterscheidet  sich  der  gegenwärtige  Betrieb  des  neusprachlichen
Unterrichts  auf  den  höheren  Lehranstalten  wesentlich  von  dem  der  früheren
Jahrhunderte,  welcher  fast  ausschließlich  den  praktischen  Nutzen  im
Auge  hatte.  Damit  steht  nicht  in  Widerspruch,  daß  auch  der  heutige  französische
  und  englische  Schulunterricht  dringenden  praktischen  Forderungen  der
Neuzeit  hat  große  Zugeständnisse  machen  und  Ziel  und  Methode  dementsprechend
  einrichten  müssen.

Von  der  Entwicklung  des  fremdsprachlichen  Unterrichtes  im  19.  Jahrhundert
  nun  in  dieser  Skizze  auch  nur  ein  annähernd  vollständiges  Bild  zu
geben,  ist  bei  der  Fülle  des  Stoffes  unmöglich.  Es  kann  hier  nur  darauf  ankommen,
  in  großen  Umrissen  die  verschiedenen  Phasen  darzustellen,  die  der
neusprachliche  Unterricht  im  19.  Jahrhundert  durchgemacht  hat.?)

Wir  beginnen  mit  dem  Französischen.

Im  18.  Jahrhundert,  dem  Jahrhundert  der  imitativen  Methode,  hatte  schon

ı)  Da  für  die  beiden  neueren  Sprachen  zusammen  der  knappe  Raum  von  nur  4  Druckbogen
  zur  Verfügung  stand,  so.  mußten  die  Verfasser  wesentliche  Kürzungen  des  Manuakriptes
  vornehmen  und  den  einleitenden  geschichtlichen  Teil  dieser  Abhandlung  ganz
ausschalten.  Der  geschichtliche  Teil  ist  daher  getrennt  erschienen  und  findet  sich  in
den  Neuen  Jahrbüchern  für  Philologie  und  Pädagogik,  B.G.  Teubner,  Leipzig  19086.

”)  Vgl.  u.  a.  Hummel,  Der  Wert  der  neueren  Sprachen  als  Bildungsmittel.  Progr.  79,
Leipzig,  Fock.  —  Ewald,  Die  neueren  Sprachen  als  Bildungsmittel.  R.-P.-G.  Rüdesheim  1889.

®,  In  klarer  Weise  berichtet  darüber  Dr.  Mangold  in  dem  in  Lexis  ‘Die  Reform  des
höheren  Schulwesens  in  Preußen’  erschienenen  Aufsatze  ‘Der  Unterricht  im  Französischen
und  Englischen’.  Vgl.  auch  O.  Wendt  in  seinem  Sammelwerk  “Enzyklopädie  des
französischen  Unterrichts,  Methodik  und  Hilfsmittel  für  Studierende  und  Lehrer  der
französischen  Sprache  mit  Rücksicht  auf  die  Anforderungen  der  Praxis’,  2.  Auflage,  Hannover
  1895,  und  die  Enzyklopädie  des  englischen  Unterrichts  usw.  Hannover  1893.

21*