I.  Der  neusprachl.  Unterricht  im  19.  Jahrhundert:  Die  grammatisierende  Richtung.  325

klärung  sowie  die  Regeln  der  Aussprache  überließ  er  dem  Lehrer.  Durch
Umgestaltung  der  Sätze  in  Frage  und  Antwort,  Erweiterung  und  Verkürzung
wollte  er  den  Schüler  zum  freieren  Gebrauche  der  Sprache  befähigen,  und  in
konzentrischen  Kreisen  sollte  dieser  zu  immer  weiterer  Beherrschung  der  Fremdsprache
  gelangen.  Grammatik  und  Wortschatz  wurden  durch  beständiges  Zurückgreifen
  auf  das  Dagewesene  befestigt.  So  mutete  diese  Methode  dem  Kinde
keine  allzu  großen  Anstrengungen  zu,  erregte  aber  doch  in  ihm  Lust  und  Liebe
zum  Studium  der  Sprache.  Diese  Methode  wurde  nun  weiter  ausgebaut  von
Ahn,  Hausschild,  Seyerle  und  Ploetz.  Der  letztere,  Dr.  Karl  Ploetz
(1819—1881),  schritt  zielbewußt  auf  diesem  Wege  weiter.  Er  fand,  daß  bei
Seidenstücker  die  Aussprache,  der  wichtigste  Teil  des  Elementarunterrichtes,
nicht  berücksichtigt  war,  daß  durch  Zerreißung  des  grammatischen  Stoffes  das
grammatische  System  gestört  wurde,  daß  grammatische  Regeln  und  feste  Formen
fehlten,  daB  die  Übungssätze  oft  inhaltsleer  waren,  und  baute  seine  Bücher
nach  dem  Einteilungsgrunde:  Aussprache,  Wortschatz  und  Grammatik
auf.  Dabei  berücksichtigte  er  die  verschiedenen  Schulgattungen  und  richtete
seine  Lehrbücher  danach  ein.  Seinen  Übungstoff  entnahm  er  hauptsächlich
der  Geschichte  und  Geographie,  um  ihn  gehaltvoller  zu  machen.  Die
grammatische  Klarheit  und  Sicherheit  suchte  er  durch  Beifügung  einer  systematischen
  Grammatik  zu  vergrößern.  So  entstanden  von  1848  an  seine
zahlreiehen  Lehrbücher  (zuerst  das  Elementarbuch  der  französischen
Sprache),  die  durch  ganz  Deutschland  auf  fast  allen  Schulen  bis  zum  Beginne
der  Reform  benutzt  wurden  und  heute  noch  vielfach  gebraucht  werden.  Es  ist
kein  Zweifel,  daB  die  Seidenstückersche  Methode  durch  Ploetz  die  höchste
Ausbildung  erfuhr,  und  daß  mit  Ploetz  die  Übersetzungsmethode  auf
ihrer  Höhe  angelangt  war.

Auf  dem  Gebiete  des  englischen  Sprachunterrichts  in  Deutschland  vollzog
  sich  seit  1815  ein  Wechsel.  Der  nach  der  Napoleonischen  Gewaltherrschaft
  eintretende  Weltfrieden  war  dem  Handel  und  Verkehr  günstig,  und
Deutschlands  Handelsbeziehungen  zu  England  wurden  immer  enger,  besonders
nachdem  Dampfschiffahrt  und  Eisenbahnen  einen  immer  größeren  Aufschwung
genommen  hatten.  Die  Nachfrage  nach  englischem  Unterricht  wuchs  daher
im  19.  Jahrhundert  immer  mehr,  und  wenn  auch  die  Einführung  des  obligatorischen
  englischen  Unterrichts  in  den  deutschen  Schulen  verhältnismäßig  spät
erfolgte  (erst  nach  1840),  so  hatte  fakultativer,  besonders  aber  Privatunterricht
doch  schon  eher  bestanden.  —  Wie  in  den  französischen,  so  machte  sich  auch
in  den  englischen  Grammatiken  der  Einfluß  der  Meidingerschen  Methode
bemerkbar  und  die  Seidenstückersche  trat  natürlich  auch  bald  in  den  englischen
Lehrbüchern  zutage.  Einen  Anlauf  zu  wissenschaftlich  besseren  Leistungen  nahm
man  aber  erst,  als  man  auf  die  hochbedeutsamen  Ausführungen  Magers  (1810  bis
1858)  —  was  freilich  spät  genug  geschah  —  aufmerksam  geworden  war,  der  in
seinen  methodischen  Schriften  die  Ergebnisse  der  neueren  Sprachwissenschaft
  der  Schule  dienstbar  zu  machen  bestrebt  war,  insbesondere  in
den  Werken:  ‘Der  schulmäßige  Unterricht  in  den  fremden  Sprachen’