I.  Der  neusprachl.  Unterricht  im  19.  Jahrhundert:  Die  grammatisierende  Richtung.  327

altklassischen  einzwängte.  Daher  möglichst  viel  historische  Lektüre,  denn  Sachlektüre
würde  der  Würde  des  Gymnasiums  —  für  die  Realschule  dachte  man  freier  —  nicht  entsprochen
  haben.

Um  die  Pflege  der  Aussprache  kümmerte  man  sich  im  19.  Jahrhundert
zunächst  wenig.  Das  18.  Jahrhundert,  das  auf  den  praktischen  Sprachbetrieb
noch  viel  Gewicht  gelegt  hatte,  war  in  dem  Bestreben  nach  einer  sorgfältigen  Aussprache
  durch  die  fremden  Sprachmeister')  unterstützt  worden.  Nach  den  Freiheitskriegen
  war  der  Boden  für  diese  nicht  mehr  günstig,  und  so  hörte  man  denn
in  den  höheren  Lehranstalten  nur  selten  noch  eine  echt  nationale  Aussprache
des  fremden  Idioms,  sondern  der  Dialekt  der  verschiedenen  Staaten  Deutschlands
  klang  deutlich  aus  der  Aussprache  nicht  bloß  des  Schülers,  sondern  oft
auch  des  Lehrers  heraus.  War  doch  vor  1870  die  Zahl  der  Lehrer  nicht  gering,
  die  ein  sehr  mundartlich  gefärbtes  Deutsch  sprachen!  In  den  Lehrbüchern
  war  die  Aussprachebezeichnung  sehr  mangelhaft;  phonetische  Zeichen
fanden  nur  in  ganz  vereinzelten  Fällen  Verwendung;  meist  suchte  man  die
Laute  durch  deutsche  Lautzeichen  unter  Zuhilfenahme  von  Ziffern  wiederzugeben,
  so  daß  das  Wortbild  oft  ein  sehr  verzerrtes,  mindestens  aber  ganz
ungenaues  wurde;  ließen  sich  doch  auf  diese  Weise  z.  B.  stimmhafte  und
stimmlose  Laute  kaum  unterscheiden.

Wie  mit  der  Aussprache,  so  war  es  an  vielen  Anstalten  auch  mit  dem
Sprechen  bestellt.  Auch  hier  war  man  seit  Ende  des  18.  Jahrhunderts  imme:
weiter  zurückgegangen,  wenigstens  auf  den  meisten  Gymnasien.  Die  Sprachmeister,
  welche  diese  praktische  Seite  des  Unterrichts  vertreten  hatten,  waren
zum  größten  Teile  aus  Deutschlands  höheren  Schulen  verschwunden;  die  Lehrer,
denen  der  neusprachliche  Unterricht  anvertraut  war,  hatten  meist  keine  Übung
und  Schulung  im  Sprechen  der  gesprochenen  Sprache;  betrieben  sie  doch  in  der
Regel  nur  nebenbei  Französisch  und  Englisch,  und  hatten  sie  sich  nicht  selten
die  Kenntnis  der  beiden  Sprachen  zufällig  auf  privatem  Wege  angeeignet.

DaB  man  hier  und  da  ein  Vokabular,  wie  das  ‘Vocabulaire  syst6ematique’
  oder  auch  das  ‘Petit  Vocabulaire’  von  Ploetz,  im  Englischen
das  Vokabularium  von  Gräser  u.  ä.,  zu  Hilfe  nahm,  was  wollte  das  wohl  besagen?
  Die  ganze  Methode  des  neusprachlichen  Unterrichts  blieb  der  Hauptsache
  nach  doch  dieselbe  grammatisierende.  Das  A  und  O  alles  Unterrichts
bildete  doch  eben  der  Betrieb  der  Grammatik  mit  seinem  unablässigen  Herüberund
  Hinüberübersetzen;  die  Lektüre,  die  den  Mittelpunkt  des  gesamten
Unterrichts  hätte  bilden  sollen,  stand  als  Dienerin  im  Dienst  der  Grammatik
und  wurde  überdies  in  einseitig  historisch-literarischer  Weise  betrieben,  das
Sprechen  trat  sehr  in  den  Hintergrund,  und  auf  eine  korrekte  Aussprache
wurde  wenig  Gewicht  gelegt.

Die  neuere  Philologie  auf  der  Hochschule  war  freilich  auch  noch  weit
hinter  den  anderen  Wissenschaften  zurück.  Während  die  germanische  Philologie
  bereits  blühte,  begann  sich  die  romanische  unter  ihrem  Begründer  Diez

!,  Vgl.  den  geschichtlichen  Teil  dieses  Aufsatzes  in  den  ‘Neuen  Jahrbüchern’  1906,
B.  G.  Teubner,  Leipzig.