I.  Der  neusprachliche  Unterricht  im  19.  Jahrhundert.  Die  Reformbewegung.  329

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  die  wissenschaftliche  Forschung  allmählich  eine  Reihe
von  Werken  zeitigte,  die  für  die  Schule  bestimmt  waren  und  selbst  wissenschaftlichen
Charakter  trugen:  im  Französischen  Ed.  Mätzner  (1834)  ‘Syntax  der  neufranzösischen
  Sprache’,  (1856)  ‘Französische  Grammatik  mit  besonderer  Berücksichtigung
  des  Lateinischen’;  Knebel  ‘Französische  Schulgrammatik  für  Gymnasien
  und  Progymnasien’  (1884),  später  von  Probst  bearbeitet;  Mager  (1840)
‘Französisches  Elementarwerk,  Lehr-  und  Lesebuch  fürGymnasien  und  höhere
Bürger(Real-)schulen’,  Bernh.  Schmitz  (1847)  ‘Französische  Grammatik  in  möglichster
  Vollständigkeit  und  Einfachheit  nebst  verschiedenen  Wörterverzeichnissen  und
deutschen  Übungsstücken’,  die  sich  indessen  mehr  für  den  Privat-  als  Schulgebrauch
eignet;  ferner  die  Grammatiken  von  Albert  Benecke  (1.  Teil.  4.  Aufl.  1872),  Gustav
Körting  (1872),  Quint.  Steinbart  (1874),  endlich  Lücking  (Berlin  1880),  während  Plattner
  (1887)  schon  in  die  Reformperiode  gehört.

Im  Englischen  erschien  1888:  Fölsing  “Lehrbuch  der  englischen  Sprache’,
später  (von  1857  an)  von  van  Dalen  und  neuerdings  von  Koch  herausgegeben,  1850:  Eduard
Fiedler  “Wissenschaftliche  Grammatik  der  englischen  Sprache’,  3.  Band  1861
von  Sachs  herausgegeben.  Dieser  für  ihre  Zeit  bahnbrechenden  Arbeit  folgten  die  wissenschaftlich
  nicht  minder  bedeutenden  Werke  von  Mätzner  (1860—1866)  und  Koch  (1868
und  1865—1868).

Waren  diese  Werke  ihrer  Natur  nach  mehr  für  das  Selbststudium  Studierender
  und  Lehrer  bestimmt,  so  wollte  Bernhard  Schmitz  mit  seiner  “Englischen
  Grammatik  nebst  einer  literarischen  Einleitung  in  das  Studium  der
englischen  Sprache’  (3.  Aufl.  1853)  ursprünglich  der  Schule  dienen.  Es  folgten
die  Arbeiten  und  Lehrbücher  von  Heussi  (1846),  J.  Schmidt,  Zimmermann,
W.  Gesenius  (1871).  Den  ersten  größeren  Versuch  einer  Shakespearegrammatik
  machte  K.  Deutschbein  mit  seiner  “"Shakespearegrammatik
für  Deutsche’,  Köthen  1882.

Hiermit  sind  nur  einige  charakteristische  Typen  von  Grainmatiken
hervorgehoben  worden,  die  uns  zeigen,  wie  der  fremdsprachliche  Unterricht  allmählich
  aus  dem  imitativen  des  18.  Jahrhunderts  in  einen  einseitig  grammatischen
  übergegangen  war,  der  in  seinem  wissenschaftlichen  Idealismus
seine  praktische  Aufgabe  mehr  und  mehr  aus  den  Augen  zu  verlieren  drohte,
bis  ihn  die  Reform  mit  kräftigem  Tone  in  die  Wirklichkeit  zurückrief.

DIE  REFORMBEWEGUNG.

Mitten  in  den  Frieden  der  Schularbeit  hinein  ließ  im  Jahre  1882  Prof.
Vietor  als  "Quousque  Tandem’  seinen  Weckruf  ertönen:  “Der  Sprachunterricht
muß  umkehren!’  Er  zeigte  in  seiner  Schrift,  daß  der  neusprachliche  Unterricht
sich  auf  einer  schiefen  Ebene  bewege,  daß  er  in  eine  einseitig  grammatisierende
Richtung  geraten  sei,  bei  der  der  tote  Buchstabe  und  der  starre  Formalismus
über  das  lebendige  Wort  und  den  beweglichen  Inhalt  der  Rede  die  Herrschaft
führe.  Er  forderte  daher,  daB  der  Laut  und  nicht  der  Buchstabe  im
Sprachunterricht  betont,  daß  der  Sprachunterricht  nicht  an  inhaltslosen  Einzelsätzen,
  sondern  an  lebensvollen,  zusammenhängenden  Sprachstoffen  betrieben,  daß
die  Fremdsprache  nicht  durch  totes  Übersetzen,  sondern  durch  beständige  Übung
im  Sprechen  und  durch  mündliches  Verarbeiten  des  Sprachstoffes  erlernt  werde.
Er  schwur  “Tod  den  Regeln  und  Sätzen’  und  verurteilte  das  Übersetzen  als