330  Bozenzr  und  Srıeater:  Französisch  und  Englisch.

‘eine  Kunst,  die  nicht  in  die  Schule  gehöre.  An  Stelle  der  bisherigen  Übersetzungen
  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache  müsse  die  freie  Behandlung
der  Sprache  treten.  Bei  der  Lektüre  sei  das  Hauptgewicht  auf  die  innere
Durcharbeitung  des  Inhalts  zu  legen.  Vor  allen  Dingen  aber  sei  auf  eine  Verbesserung
  der  Schulaussprache  des  Französischen  und  Englischen  zu  achten,
die  Trautmann  schon  im  Jahre  1877  in  der  “Anglia’  (“Schulbficher  und  Lautliches’)
  als  “grauenvoll’  verurteilt  hatte.  Diese  Ansichten  waren  nun  zwar
durchaus  nichts  durchweg  Neues,  frühere  Jahrhunderte  hatten  die  Spracherlernung
  bereits  zum  großen  Teil  in  dieser  Weise  betrieben;  aber  alle  die  aufgestellten
  Forderungen  waren  eben  in  Vergessenheit  geraten  über  dem  einseitigen
Betrieb  der  Grammatik,  und  dem  jungen  Geschlechte  erschien  der  Sprachunterricht
  nach  Quousque  Tandems  temperamentvoll  gehaltenen  Ausführungen  plötzlich
in  einem  ganz  neuen  Lichte.)  Quousque  Tandems  Schrift  erregte  ein  ungeheueres
Aufsehen,  und  alsbald  schossen  die  Streitschriften  für  und  wider  die  Reform  des
neusprachlichen  Unterrichts  wie  Pilze  aus  der  Erde.  Gegen  800  Schriften  und
Artikel  führt  Breymann  in  seinen  verdienstvollen  Zusammenstellungen:  ‘Die
neusprachliche  Reformliteratur  von  1872—1893’  (Leipzig  1895)  und:
“Die  neusprachliche  Reformliteratur  von  1894—1899’  (Leipzig  1900)
auf.”)  Seitdem  ist  diese  Zahl  noch  um  ein  bedeutendes  gewachsen,  so  daß  man
wohl  annehmen  darf,  daß  die  ganze  Bewegung  bis  heute  etwa  1000  Schriften
und  Artikel  gezeitigt  hat.  Noch  ist  der  Kampf  nicht  ganz  erloschen,  noch
währt  der  ‘Streit  um  die  Methode’,  aber.  er  ist  in  ruhigere  Bahnen  gelenkt,
und  die  Meinungsverschiedenheiten  haben  sich  namentlich  durch  persönliche
Aussprache  auf  Versammlungen  usw.  so  geklärt,  daß  man  heute  schon  von
einer  friedlichen  Lösung  sprechen  darf.

Ganz  besonders  umstritten  war  das  Gebiet  der  Lautlehre  und  ihr  künftiger
  Betrieb  im  Unterrichte.  Nachdem  das  vernichtende  Urteil  Trautmanns
über  die  französische  und  englische  Schulaussprache  bekannt  geworden,  sah
man  ein,  daß  auf  diesem  Gebiete  gründlich  Wandel  geschaffen  werden  müsse.
Von  den  extremen  Reformern  wurde  die  Einführung  der  Lautphysiologie
oder  Phonetik  in  die  Schule  gefordert.  Es  sollten  nicht  bloB  die  Lehrer
gründliche  Kenntnis  derselben  von  der  Universität  mitbringen,  sondern  auch
die  Schüler  sollten  womöglich  einen  lautphysiologischen  Kursus  bei
Beginn  des  neusprachlichen  Unterrichts  durchmachen,  der  sie  befähigte,  über
die  Hervorbringung  der  Laute  genaue  Auskunft  zu  geben.  Zur  Unterstützung
der  Aussprache  sollten  einerseits  die  Lauttafeln  und  andererseits  die  phoneı,

  Vietor  hatte  übrigens  einen  gediegenen  Vorkämpfer  an  Perthes,  der  in  den  Jahren
1878—1876  in  seinen  Schriften  zur  Reforın  des  lateinischen  Unterrichts  denselben  Grundgedanken,
  Rückkehr  zur  natürlichen  Spracherlernung,  ausgesprochen  hatte,  und  in  Sachsen
hatte  bereits  im  Jahre  1876  Klotzsch  in  seinen  ‘Grundzügen  der  französischen
Grammatik’  die  alte  Forderung  einer  naturgemäßen  Methode  des  Sprachunterrichts  in
Erinnerung  gebracht  und  für  den  modernen  Sprachbetrieb  aufs  neue  erhoben.

!\  Vgl.  auch:  “Die  phonetische  Literatur  von  1876—1895.  Eine  bibliographisch  -  kritische
  Übersicht’  von  H.  Breymann,  Leipzig  1900.