Die  Reformbewegung:  Lautlehre.  381

tische  Umschrift  oder  Transkription  eintreten,  die  zunächst  die  historische
  Schreibung  zu  ersetzen  habe.  Ja,  Kühn  und  Vietor  wollten  sogar
die  gesamte  Formenlehre  auf  den  Lautstand  gegründet  wissen.  Diese  Ansichten
  fanden  später  auf  gegnerischer  Seite  heftigen  Widerspruch,  z.  B.  durch
Eidam  ‘Phonetik  in  der  Schule?’  (Würzburg  1887),  obwohl  dieser  im  Jahre
vorher  selbst  zugegeben  hatte,!)  daB  die  Aussprache  der  Schüler  “jämmerlich’
sei,  daß  man  dies  aber  hauptsächlich  der  geringen  Stundenzahl  in  den  neueren
Sprachen  zuzuschreiben  habe.  Die  Anhänger  der  Phonetik  dagegen  erwarteten  nunmehr
  alles  Heil  von  dieser  noch  sehr  jungen  Wissenschaft,  als  deren  Begründer  in
in  Deutschland  Techmer  (}  1891)  angesehen  werden  kann,?)  und  die  in  Vietor,
Trautmann,  Klinghardt,  Franke,  Beyer,  Rambeau,  Kühn,  Walter,
Quiehl,  Weitzenböck,  Bwoboda,  A.  Lange?)  u.v.a.  beredte  Anwälte  fand.

Im  Englischen  lehnten  sich  die  meisten  Praktiker  an  Sweet  ‘Elementarbuch
  des  gesprochenen  Englisch’,  im  Französischen  an  Passy  ‘Les  sons
du  frangais’  an,  im  übrigen  wichen  sie  in  ihren  phonetischen  Umschriften  oft
bedeutend  voneinander  ab,  wie  denn  auch  von  vornherein  über  die  Ausdehnung,  die
man  der  Lautphysiologie  und  der  phonetischen  Umschrift  im  Unterricht  gewähren
dürfte,  die  denkbar  größte  Meinungsverschiedenheit  herrschte.  Die  Heißsporne
hätten  am  liebsten  die  historische  Schreibweise  des  Französischen  und  Englischen
  auf  immer  durch  die  Lautschrift  ersetzt,  und  es  ist  jedenfalls  kein
Zweifel,  daß  in  einzelnen  Fällen  didaktisch  und  methodisch  so  hervorragende
Männer  wie  Klinghardt*)  ganz  ungewöhnliche  Erfolge  mit  dem  systematischen,
  streng  durchgeführten  Betriebe  derselben  gehabt  haben  und  haben
konnten.  Dazu  müssen  aber  die  Umstände  im  Unterrichte  besonders  günstig
liegen,  wie  dies  bei  Klinghardt  der  Fall  war;  vor  allen  Dingen  muß  der  Lehrer
volle  Bewegungsfreiheit  haben  und  seine  Klasse  ununterbrochen  weiterführen
dürfen,  kurzum,  er  muß  völlig  autokratisch  über  sie  verfügen  können.  Daraus
ergibt  sich  von  selbst,  daß  sich  schon  aus  schultechnischen  und  schulpolitischen
  Gründen  die  Anwendung  von  Klinghardts  imitativer  Methode  in
der  Praxis  in  breiteren  Kreisen  einfach  als  unmöglich  erweist.  Daß  solche
Versuche  von  den  Behörden  gestattet  wurden,  war  mit  Dank  zu  begrüßen,  denn
sie  dienten  entschieden  zur  Klärung  der  Ansichten  und  zur  pädagogischen  Weiterentwicklung
  der  neusprachlichen  Lehrfächer;  daß  sie  nicht  überall  geglückt  sein
würden,  ist  nach  dem  Gesagten  leicht  einzusehen.  Diese  Methode  will  die  Anwendung
  der  deutschen  Sprache  —  ähnlich  der  Berlitz-Methode  —  von  Anfang
  an  aus  dem  Unterrichte  ausgeschlossen  wissen  und  verbannt  alles  Übersetzen
  aus  der  Muttersprache  in  die  Fremdsprache  Hören  und  Sprechen

ı)  Der  neusprachliche  Unterricht  an  den  bayrischen  Studienanstalten  (Blätter  für  das
bayrische  Gymnasialwesen  1886,  XXII,  477—488).

*),  Über  die  geschichtliche  Entwicklung  der  Lautphysiologie  vgl.  Wendt,  Enzyklopädie
  des  französischen  Unterrichts,  S.  88  ff.

®)  Über  ihre  Schriften  vgl.  Breymann,  Die  neusprachliche  Reformliteratur  von  1870
bis  1898  und  Die  neusprachl.  Reformlit.  von  1894—1899.

‘)  Ein  Jahr  Erfahrungen  mit  der  neuen  Methode.  Marburg  1888.  —  Drei  weitere
Jahre  Erfahrungen  mit  der  imitativen  Methode.  Marburg  1892.