332  Boerner  und  SrıeuLer:  Französisch  und  Englisch.

sind  dabei  die  Hauptfaktoren,  das  Auge  unterstützt  beide  mit  Hilfe  der  phonetischen
  Transkription,  und  erst  allmählich  tritt  die  historische  Schreibung
neben  der  Lautschrift  auf,  immer  noch  eine  untergeordnete  Stellung  einnehmend.

Im  Laufe  des  sich  heftig  entwickelnden  Streites  um  die  Verwendung  der
Lautphysiologie  und  der  Lautschrift  im  praktischen  Schulunterrichte  kam  man
allmählich  zu  einer  vermittelnden  Richtung.  Man  hatte  eingesehen,  daB  der
Lautlehre  eine  größere  Bedeutung  zukomme,  als  ihr  der  neusprachliche  Unterricht
im  19.  Jahrhundert  eingeräumt  hatte;  man  verlangte  deshalb  allgemein  eine  gründliche
  phonetische  Schulung  der  neuphilologischen  Lehrerschaft  auf  der
Universität,  und  damit  verbunden  auch  Lehrstühle  für  diese  Wissenschaft;  dagegen
  erkannte  man,  je  länger  desto  mehr,  daß  die  Lautphysiologie  als  eigene
Disziplin  nicht  in  die  Schule  gehöre  und  als  solche  daselbst  nicht  betrieben  werden
dürfe.  Wohl  aber  habe  der  Lehrer  ihre  Ergebnisse  im  praktischen  Sprachunterrichte
  insoweit  zu  verwerten,  als  dies  für  die  richtige  Hervorbringung
der  fremden  Laute  notwendig  sei.  Es  sei  vor  allen  Dingen  darauf  zu
dringen,  daß  ein  volles  Verständnis  von  dem  Verhältnis  der  fremden  Laute
zu  denen  der  Muttersprache,  sowie  von  Laut  zu  Schrift  überhaupt  erzielt
werde.  Diese  Erklärungen  seien  aber  beiläufig  und  nicht  etwa  als  wissenschaftliche,
  systematische  Deduktionen  zu  geben.  Das  ist  im  allgemeinen  der
gegenwärtige  Stand  der  Dinge,  bei  denen  die  Praxis  das  erste  Wort  führte  und
führen  mußte.  Das  zeigte  sich  am  besten  an  den  zahlreichen  neu  erstehenden
Lehrbüchern,  die  fast  alle  den  erwähnten  Forderungen  Rechnung  trugen,
indem  sie  sich  die  Ergebnisse  der  Phonetik  zu  eigen  machten  und  sie  durch
Lauttafeln,  kurze  Erklärungen  der  Laute,  mehr  oder  weniger  ausgedehnte
Verwendung  der  phonetischen  Systeme  zum  Ausdruck  brachten.  Ganz  unmerklich
  vollzog  sich  von  selbst  hier  in  den  Neusuflagen  die  Korrektur  unhaltbarer
  und  unpraktischer  phonetischer  Experimente.  Die  praktischen  Schulmänner
  tauschten  unter  sich  und  mit  den  verdienstvollen  Verfassern  neuer
Lehrbücher  Erfahrungen  über  dieselben  aus  und  trugen  dadurch  auch  ihrerseits
nicht  wenig  zur  Klärung  der  vielumstrittenen  Frage  bei.  Wenn  dieselbe  auch
heute  noch  nicht  völlig  gelöst  ist  und  wohl  auch  niemals  völlig  gelöst  werden
wird,!)  so  wurde  doch  im  Einzelfalle  Klarheit  erzielt,  und  das  ist  ja  schon
ein  großer  Vorteil.  Wenn  daher  über  die  Art  der  Verwendung  der  Lautschrift
  und  der  Lauttafeln  im  Unterrichte  die  Ansichten  heute  noch  grundverschieden
  sind,  so  braucht  das  nicht  einmal  sonderlich  bedauert  zu  werden;
jeder  wird  am  besten  unterrichten,  wenn  er  seiner  Überzeugung  folgt.  Wer
also  meint,  Lautschrift  und  Lauttafeln  im  Unterrichte  nicht  entbehren  zu
können,  wende  sie  immerhin  an;  die  Überzeugung,  dadurch  bessere  Ergebnisse
zu  erzielen,  verbürgt  bereits  einen  praktischen  Erfolg.  Wer  andererseits  sich
von  der  Anwendung  der  Lauttafeln  und  der  phonetischen  Umschrift  keinen
Nutzen  verspricht,  ja,  wer  sie  gar  für  eine  unnütze  oder  schädliche  Belastung
des  Schülers  hält  —  und  nicht  wenige  bekehren  sich  zu  dieser  Anschauung  —,

)  Vgl.  Mangold,  Gelöste  und  ungelöste  Fragen  der  Methodik  auf  dem  Gebiete  der
neueren  Fremdsprachen.  Berlin  1892.  9.  11f.