Die  Reformbewegung:  Anschauungsunterricht.  333

nun,  der  lasse  sie  ruhig  beiseite  und  suche  sich  ein  seinen  Zwecken  entsprechendes
  Lehrbuch  aus.  Hauptsache  ist,  daß  der  Lehrer  selbst  phonetisch  so
geschult  ist,  daB  er  seinen  Schülern  die  Ergebnisse  der  Lautphysiologie  in
jedem  Augenblicke  im  gegebenen  Falle  in  praktischer,  aber  zugleich
wissenschaftlicher  Weise  zu  vermitteln  imstande  ist.  Damit  hing  denn
such  die  weitere  ungelöste  Frage  zusammen,  ob  bei  der  Erlernung  der  Aussprache
  vom  einzelnen  Laute,  vom  Musterworte  oder  vom  zusammenhängenden
  Texte  auszugehen  sei.  Auch  hier  traten  in  Theorie  und  Praxis
sehr  bald  die  verschiedensten  Ansichten  zutage.  Die  extreme  Partei  konnte
sich  natürlich  nur  für  das  Ausgehen  vom  zusammenhängenden  Texte  entscheiden,
  da  sie  ja  die  Sprache  daran  überhaupt  erlernen  lassen  wollte.  Anders
dachten  über  alle  diese  Fragen  nicht  wenige  besonnene  Männer,  die  einer
Reform  durchaus  beistimmten,  aber  meinten,  daß  man  dabei  das  Kind  nicht
mit  dem  Bade  ausschütten  dürfe.  So  trat  denn  vor  allen  Tanger  im  Jahre
1888  den  Übergriffen  der  Reform  mit  seiner  Schrift  entgegen:  ‘Muß  der
Sprachunterricht  umkehren?’  und  Vietors  und  Kühns  Forderung,  daß  auch
die  Formenlehre  auf  den  Lautstand  gegründet  werde,  wurde  u.  a.  von
Ohlert,  Hornemann,  Rambeau,  Eidam,  Tanger,  Weitzenböck,  A.  v.
Roden,  vor  allem  aber  von  Koschwitz!)  bekämpft.  Kühn  hat  übrigens  seine
Ansicht  später  selbst  aufgegeben.

In  der  ganzen  Bewegung  spielte  zunächst  der  Anfangsunterricht  die
Hauptrolle;  weitaus  die  meisten  aller  Schriften  drehten  sich  um  den  Anfangsunterricht,
  da  man  hier  eben  am  ehesten  mit  der  neuen  Methode  seine  Erfahrungen
  festzustellen  imstande  war,  während  es  für  Gymnasium  und  Realgymnasium
  doch  eines  Zeitraumes  von  beinahe  acht  Jahren  bedurfte,  ehe  man
über  die  Erfahrungen  aus  der  Oberprima  berichten  konnte.  In  der  Unzahl  der
Schriften  über  Anfangsunterricht  finden  wir  alle  möglichen  Richtungen  vertreten,
  von  der  äußersten  Linken  bis  zur  konservativen  Rechten.

Nur  die  wichtigsten  Strömungen  können  hier  kurz  angedeutet  werden.  Die
extreme  Partei,  die  mit  “Quousque  Tandem’  nicht  bloß  “Tod  den  Regeln  und
Sätzen’,  sondern  am  liebsten  auch  “Tod  dem  Lehrbuche!’  geschworen  hätte,  wenn
es  nur  angängig  gewesen  wäre,  wünschte  für  den  Anfangsunterricht  einen  propädeutischen
  Kursus,  der  wesentlich  von  der  Anschauung  ausging  und  der

in  der  Tat  an  vielen  Schulen,  besonders  Realschulen,  Eingang  gefunden  hat.

Auf  den  Anschauungsunterricht  hatte  Klotzsch  bereite  1876  wieder  hingewiesen;  die
Reformer  griffen  ihn  mit  Eifer  auf,  und  bald  wurden  alle  nur  denkbaren  Anschauungsmittel,
  besonders  aber  Bilder,  Pläne  und  Karten  benutzt,  mit  deren  Hilfe  die  Fremdsprache
  dem  Schüler  ‘spielend’  beigebracht  werden  sollte,  indem  man  ganz  richtig  von  der
Tatsache  ausging,  daß  durch  die  Anschauung  die  Aufnahme  neuer  Begriffe  ganz  wesentlich
erleichtert  wird.  Die  Wichtigkeit  der  Anschauung  für  den  neusprachlichen  Unterricht
legte  im  Jahre  18956  Martin  Hartmann  in  erschöpfender  Weise  in  seinem  gediegenen
Vortrage:  Die  Anschauung  im  neusprachlichen  Unterrichte’  auf  der  Jahresversammlung
  des  Sächsischen  Gymnasiallehrervereins  zu  Chemnitz  dar,  wobei  er  besonders  für

1)  Vgl.  die  näheren  Angaben  bei  Breymann,  Die  neusprachliche  Reformliteratur  von
1876—1893.  8.  6.