Die  Reformbewegung:  Gesang.  Unterrichtssprache.  335

wüchsen  war  natürlich  auch  kein  Mangel,  und  hier  und  da  hat  man  wohl  nicht  mit  Unrecht
  über  die  “Bilderverehrung’  gespöttelt.  Auch  hat  es  nicht  an  Autoritäten  gefehlt,  die
sich  entschieden  dagegen  ausgesprochen  haben,  z.  B.  E.  v.  Sallwürck'),  welcher  ausführt,
daß  ‘die  Anschauungsmethoden  &amp;  la  Lehmann  auf  einer  falschen  psychologischen
Grundlage  aufgebaut’  seien.

Für  die  Verwendung  des  Bildes  auch  auf  der  Oberstufe  ist  besonders  Scheffler
‘Bild  und  Lektüre’,?)  1894  warm  eingetreten.  Nach  obenhin  mußte  natürlich  der  Anschauungsunterricht
  eine  immer  größere  Einschränkung  erfahren.  So  anerkennenswert  das
Bestreben  ist,  den  Schüler  mit  Land  und  Leuten  bekannt  zu  machen,  so  darf  doch  der
Sach-  und  Reslienunterricht  nicht  eine  Ausdehnung  erhalten,  über  welcher  der  ideale
Gehalt  des  fremdsprachlichen  Unterrichts  vollständig  verloren  geht.  Dem  Anschauungsunterrichte
  sprachen  in  ihren  Schriften  Mühlefeld,  Maurer,  Beyer,  Würzner,  Konrad,
  Scheffer,  Wendt?)  u.a.  das  Wort,  während  v.  Sullwürck  und  Kornfeld,  ‘Auswüchse
  der  analytischen  Methode’  (Zeitschrift  für  das  Reslschulwesen  1893,  XVII,  705  bis
712),  vor  dem  sogenannten  Anschauungsunterrichte  warnen,  und  der  weitaus  größte  Teil  der
gemäßigten  Reformer,  wie  Münch  und  Mangold,  die  übermäßige  Betonung  der  Realien
entschieden  mißbilligen.

Im  Verein  mit  der  Anschauung  wurde  nun  von  den  Reformern  noch  ein  anderes  Hilfsmittel
  lebhaft  empfohlen,  der  Gesang.  Daß  man  das  Chorsprechen  für  den  Anfangsunterricht
  ausnutzte,  um  eine  gute  Aussprache,  fließendes  Lesen  und  Rezitieren  zu  erzielen,
konnte  nicht  wundernehmen;  es  hatte  sich  ja  schon  im  Volksschulunterricht  als  ein  vorzügliches
  Förderungsmittel  erwiesen;  wohl  aber  durfte  die  Verwendung  des  Gesangs
im  neusprachlichen  Unterrichte  als  etwas  Neues  gelten.  Die  Reformlehrbücher  brachten
denn  auch  alsbald  in  einem  ‘Anhang’  französische  und  englische  Liedertexte  mit  Melodie
und  Noten;  so  z.  B.  die  Bierbaumschen  Lehrbücher  und  das  Kühnsche  Lesebuch  (Unterstufe);
  ja  im  Laufe  der  Zeit  erschienen  auch  eigene  französische  und  englische  Liedersammlungen
  für  den  Schulgebrauch,  wie  die  von  Hasberg.‘)  Die  Verwertung  des  Gesanges
im  Anfangsunterricht  zeigt  uns  u.  a.  Dr.  K.  Schmidt  in  einem  Aufsatze  in  den  ‘Neueren
Sprachen’,  1893  I,  601—509:  ‘Die  Einübung  der  französischen  Ausspraohe  unter
Verwertung  eines  Liedes’.  Ebenso  spricht  sich  außer  den  Genannten  noch  dafür  aus:
Beyer,  Der  neue  Sprachunterricht,  Köthen  1898;  auch  Thiergen)  empfiehlt  für  den  Anfangsunterricht
  den  Gesang  zur  Erwerbung  einer  guten  Aussprache  sehr  warm,  und  ein  großer  Teil
der  gemäßigten  Reformer  steht  dem  sympathisch  gegenüber.  Breymann  (Reformliteratur
von  1876—1898,  8.  108,  Anm.  2)  sagt  mit  Bezug  hierauf:  ‘Nur  muß  man  keine  schablonenhafte
  Übereinstimmung,  also  nicht  verlangen,  daß  z.  B.  alle  Lehrer  mit  der  Einübung
eines  französischen  Liedohens  den  Ausspracheunterricht  beginnen.’

Wir  haben  bereits  von  der  Bedeutung  gesprochen,  die  die  Reform,
und  mit  Recht,  dem  Laute  im  Gegensatze  zum  Buchstaben  zumaß.  Es
mußte  daher  das  Sprechen  im  Reformunterrichte  zur  besonderen  Geltung
kommen;  die  Extremen  unter  den  Reformern  verlangten,  daß  der  gesamte
Unterricht  von  vornherein  und  von  Anfang  bis  zu  Ende  in  jeder
Stunde  ausschließlich  in  der  Fremdsprache  gegeben  werde.  Es  ist
kein  Zweifel,  daß  sie  damit  über  das  Ziel  hinausschossen.  Nachdem  Quousque

»)  ‘Der  fremdsprachliche  Unterricht  auf  Anschauung  gegründet’.  Jahrbuch  d.  Vereins
für  wissenschaftl.  Pädagogik  1881,  XII,  247—267.

”),  Vortrag,  abgedruckt  1894  in  den  ‘Neneren  Sprachen’.

°,  Über  die  Literatur  vgl.  Breymann  ‘Die  neusprachl.  Reformliteratur  usw.’

*)  ‘Französische  Lieder  mit  Singnoten  und  Wörterbuch’,  Leipzig  1902.  —  Desgleichen:
"Englische  Lieder’  usw.

°)  “Methodik  des  neuphilologischen  Unterrichts’,  8.  30.