336  Bozaner  und  Stıeuter:  Französisch  und  Englisch.

Tandem-Vietor  hohnlächelnd  das  böse  Urteil  gesprochen  hatte:  “Unsere  Realabiturienten
  können  so  wenig  einen  französischen  und  englischen  Brief  schreiben,
  als  sie  sich  in  London  oder  Paris  ohne  Stocken  und  Hacken  um
die  nächste  Straßenecke  fragen  können’,  da  meinte  man,  dem  gründlich
abhelfen  zu  müssen,  und  die  Heißsporne  unter  den  Reformern  betonten  die
Sprechübungen  in  Theorie  und  Praxis  in  einem  Maße,  daß  man  hätte  meinen
sollen,  unsere  Abiturienten  sollten  zu.  Fremdenführern  für  Paris  und  London
ausgebildet  werden.  Die  Praxis  sorgte  auch  hier  dafür,  daß  die  übertriebenen
Forderungen  der  extremen  Reformpartei  auf  das  richtige  Maß  beschränkt  wurden.
  Einmal  waren  durchaus  noch  nicht  alle  Lehrer  der  neueren  Sprachen  in
der  Lage,  die  Sprechübungen  in  dem  ausgedehnten  Maße  zu  betreiben,  wie
dies  Vietor,  Dörr,  Walter,  Quiehl,  Klinghardt  u.  v.  a.  wollen,  schon  weil  ihnen
dazu  die  nötige  Schulung  fehlte,  sodann  aber  geboten  auch  die  Lehrpläne!)
Halt,  die  dem  fremdsprachlichen  Unterrichte  auch  noch  eine  andere  Aufgabe
zuwiesen,  als  lediglich  über  Vorkommnisse  des  täglichen  Lebens  zu  parlieren.

Daß  aber  eine  lebende  Sprache  auch  gesprochen  werden  müsse,  daß
dem  Sprechen  ein  hoher,  geistiger  Wert  zukomme,  darüber  waren  alle
Reformer  einig,  von  den  extremsten  bis  zu  den  gemäßigsten.  ‘Das  Betreiben
einer  Sprache  —  es  sei  denn  im  theoretisch-wissenschaftlichen  Interesse  —  ohne
das  Ergebnis  des  Sprechenkönnens’  sagt  Münch,?)  ‘bleibt  eine  sonderbare  Sache,
ein  leiser  Fluch  der  Lächerlichkeit  haftet  daran....  Eine  fremde
Sprache  wirklich  sprechen  zu  können,  ist  eine  große  und  schöne  Sache.’  Welchen
  Wert  unser  Kaiser  dem  Sprechen  beilegt,  geht  aus  dem  Erlasse  vom
22.  Nov.  1900  hervor,  in  dem  es  heißt:  “Bei  den  neueren  Sprachen  ist  mit
besonderem  Nachdrucke  Gewandtheit  im  Sprechen  und  sicheres  Verständnis
der  gangbaren  Schriftsteller  anzustreben.”  Freilich,  in  welcher  Weise  und  in
welcher  Ausdehnung  die  Sprechübungen  betrieben  werden  sollen,  darüber  gehen
die  Meinungen  bis  auf  den  heutigen  Tag  auseinander.)  Daß  sie  sich  nicht  bloß
auf  die  Lektüre,  sondern  auch  auf  Vorkommnisse  des  täglichen  Lebens
erstrecken  sollen,  sprechen  die  preußischen  Lehrpläne  (a.  a.  O.  8.  42)  ausdrücklich
  aus.  Über  Wert,  Umfang,  Methode  der  Sprechübungen  hat  in  einem  Aufsatz:
  "Über  neusprachliche  Sprechübungen’  (Zentralorgan,  1882,X,  73—108)
eingehend  gehandelt  Dr.  Herm.  Isaac.  Hauptsache  ist,  daß  das  Sprechen
überhaupt  tüchtig  geübt  wird,  und  dies  der  alten  Methode  gegenüber  wieder
energisch  betont  zu  haben,  ist  ein  entschiedenes  Verdienst  der  Reform.

Indessen  belehrte  die  Praxis  die  theoretischen  Heißsporne  bald,  daß  nur
unter  ganz  besonders  günstigen  Umständen  der  fremdsprachliche  Betrieb  im
Klassenunterricht  nach  der  rein  imitativen  Methode  möglich  sei,  und  als  sich

!)  Lehrpläne  und  Lehraufgaben  für  die  höheren  Schulen  in  Preußen.  Halle  a.,8.  1901.
S.  42.  —  Sächsische  Lehrpläne.  Bekanntmachung,  die  Lehr-  und  Prüfungsordnung  für  die
Realgymnasien  betreffend;  vom  22.  Dez.  1902.  S.  27.

”)  Zur  Förderung  des  französischen  Unterrichts,  besonders  auf  Realgymnasien.  Heilbronn
  1883,  8.  45.

”)  Vgl.  Mangold,  Gelöste  und  ungelöste  Fragen,  S.  7  ff.