Die  Reformbewegung.  Grammatischer  Betrieb.  337

der  erste  Sturm  gelegt  hatte,  begann  man  der  Grammatik  wieder  ein  bescheidenes

Plätzchen,  zunächst  allerdings  nur  das  ‘Armesünderstühlchen’,  einzuräumen.

Der  “alte  Ploetz’  mußte  manch  herbe  Kritik  über  sich  ergehen  lassen,  z.  B.  von  Kühn
‘Zur  Methodik  des  französischen  Unterrichts,  Wiesbaden  1883’,  und  Bätgen  ‘Zur  Neugestaltung
  des  Unterrichts  (Progr.  Realgymn.  Eisenach  1886)’.

Das  ‘Prinzip’  oder  ‘Gesetz’  trat  an  die  Stelle  der  ‘Regel’,  wogegen  sich  allerdings
Foth!)  und  A.  v.  Roden®),  Stiehler°)  u.  a.  m.  wendeten,  und  man  räumte  verdienstlicherweise
  mit  mancher  Altertümlichkeit  auf.  Leider  folgte  man  hier  —  man  werfe  nur  einen
Blick  in  die  heutigen  Grammatiken  —  der  dankenswerten  Anregung  Vietors  noch  zu  wenig.‘)
Man  schleppte  noch  immer  viele  von  der  Wissenschaft  längst  als  unhaltbar  nachgewiesene
‘Regeln’  von  Grammatik  zu  Grammatik.)

Soweit  nun  der  grammatische  Betrieb  überhaupt  in  Frage  kam,  wendete
  man  mit  besonderer  Vorliebe  die  sogenannte  analytisch-direkte  Methode
  an  und  benutzte  Lehrbücher,  welche  nach  dieser  Methode  gearbeitet
waren,  da  man  meinte,  mit  Hilfe  derselben  die  Schüler  am  schnellsten  und
intensivsten  in  die  Fremdsprache  einführen  zu  können.  Die  äußerste  Linke
zog  hier  wieder  Lehrbücher  vor,  die  nur  fremden  Text  enthielten  und  aus
denen  jedes  Übersetzungsstück  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache
verbannt  war,  wie  die  schon  erwähnten,  auf  den  Anschauungsunterricht  gegründeten
  Lehrbücher  von  Lehmann  und  Roßmann-Schmidt,  sowie  das
“Lehrbuch  der  französischen  Sprache’  von  Georg  Weitzenböck  u.  a.  m.
Eine  nicht  ganz  so  extreme  Richtung  erkannte  sehr  bald,  daß  der  gänzliche
  Verzicht  auf  das  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache
in  der  Praxis  seine  sehr  bedenklichen  Seiten  habe  und  ließ  kleine  Übersetzungsübungen
  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache  zu,  wie  Bierbaum
in  seinen  vielgebrauchten  “Lehrbüchern  der  französischen  und  englischen
  Sprache  nach  der  analytisch-direkten  Methode  (Leipzig,  RoBberg).
  Ein  entschiedener  Sieg  aber  für  die  gemäßigte  Partei,  d.  h.  für  die,
welche  aus  verschiedenen  Gründen  die  Übersetzung  aus  dem  Deutschen
in  die  Fremdsprache  nicht  völlig  aufgeben  wollen,  wobei  sie  übrigens
die  gesetzlichen  Bestimmungen‘)  hinter  sich  haben,  war  es,  als  selbst  zu
extremen  Lehrbüchern  wie  Roßmann-Schmidt  in  neuester  Zeit  Übungsstücke
erschienen,  welche  zum  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache
  bestimmt  sind.  Im  allgemeinen  einige  man  sich  immer  mehr
dahin,  daß  die  Übersetzungsübungen  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache
nicht  ganz  zu  entbehren  seien,  daß  sie  sich  aber  inhaltlich  und  sachlich
möglichst  eng  an  den  fremdsprachlichen  'Text  der  Lehrbücher  anschließen
müßten.  In  diesem  Sinne  machten  sich  nun  besonnene  Reformer,  zum  Teil

1)  “Der  französische  Unterricht  auf  dem  Gymnasium’,  Leipzig  1887,  8.  129.

”)  “Inwiefern  muß  der  Sprachunterricht  umkehren?’  Marburg  1890,  8.  53.

°,  ‘Streifzüge  auf  dem  Gebiete  der  neusprachlichen  Reformbewegung’,  Marburg  1891,S.11.

*)  ‘Die  wissenschaftliche  Grammatik  und  der  englische  Unterricht’  in  d.  “Englischen
Studien’  1880,  III  106—124.  —  Ferner  Quousque  Tandem  usw.

&amp;,  Vgl.  hierzu  Stiehlers  Kritik  in  den  “Streifzügen’  8.9  ff.  Ferner  Kühn  ‘Der  franz.
Aufangsunterricht.  Ein  Begleitwort  usw.  Leipzig  1887.’  S.  29  Anm.  1.

©)  Vgl.  z.B.  Lehrpläne  und  Lehraufgaben,  8.  44.

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  22