Die  Reformbewegung:  Sieg  der  gemäßigten  Reform.  339

Eine  dankenswerte  Anregung,  der  Überbürdung  der  Schüler  vorzubeugen  und  zugleich
eine  möglichst  gleichmäßige  Ausbildung  in  den  fremden  Sprachen  herbeizuführen,  gab
Hornemann  mit  seinen  “Gedanken  und  Vorschlägen  zu  einer  Parallelgrammatik
  der  fünf  Schulsprachen  (Deutsch,  Lateinisch,  Griechisch,  Französisch,
Englisch)’,  Hannover  1888,  nachdem  er  schon  früher  (1885  und  1886)  in  seinen  methodischen
  Schriften!)  einen  Ausgleich  der  Methoden  herbeizuführen  gesucht  hatte.  Sein  Vorschlag
  fand  insofern  praktische  Verwirklichung,  als  die  Parallelgrammatiken  in  dem  Frankfurter
  Reformgymnasium  (Goethe-Gymnasium)  Eingang  fanden.  Dabei  sei  gleich  erwähnt,
  daß  die  Frankfurter  Reformanstalten  deutschen  Übersetzungsstoff  durchaus  nicht
verschmähen,  wie  der  daselbst  eingeführte  ‘Deutsche  Übersetzungsstoff  zum  Einprägen
  der  französischen  Formen-  und  Satzlehre’  1894,  1899  von  Max  Banner?)
beweist.

Nach  alledem  läßt  sich  als  praktisches  Ergebnis  des  in  Frage  des  grammatischen
  Betriebes  der  beiden  Fremdsprachen  entstandenen  Meinungsaustausches
folgendes  feststellen:  Die  “gemäßigte’  Reform  trug  den  Sieg  über  die
‘extreme’  davon;  aus  praktischen  Gründen  mußte  man  in  den  höheren  Lehranstalten
  zumeist  von  der  rein  imitativen  Methode  absehen;  dagegen  erfreute
sich  die  sogenannte  analytisch-direkte  Methode  des  Beifalls  vieler  Reforiner
und  wurde,  hier  und  da  allerdings  nicht  unwesentlich  modifiziert,  in  den  Schulen
zur  Anwendung  gebracht,  nachdem  ihr  durch  eigene  dazu  geschaffene  Lehrbücher
der  Weg  dahin  geebnet  worden  war.  Bei  weitem  die  größte  Verbreitung  fand
aber  die  sogenannte  “vermittelnde’  Methode,  die  sich  aus  dem  Ausgleiche
zwischen  den  extremen  Richtungen  der  rein  imitativen  und  der  rein  grammatisierenden
  Methode  ergeben  hatte.

Durch  welche  Umstände  wurde  nun  der  Sieg  dieser  Methode  besonders
herbeigeführt?  In  erster  Linie  gab  es  zunächst  nur  wenige  Neuphilologen,  die
den  Ansprüchen  der  rein  imitativen  Methode  gewachsen  gewesen  wären.  Leute
wie  Walter  und  Klinghardt  waren  und  bleiben  dünn  gesät.  Sodann  müssen  bei
der  Durchführung  dieser  Methode,  die  ein  ungemeines  Lehrgeschick  und  eine
rastlose  Energie  voraussetzt,  alle  übrigen  Verhältnisse  aufs  genaueste  stimmen,
wenn  die  Methode  überhaupt  anwendbar  sein  soll,  d.  h.  der  betreffende  Lehrer
muß  sich  in  voller  Übereinstimmung  mit  seinen  Fachkollegen  befinden,  und  er
muß  seinen  Unterricht  völlig  unabhängig  vom  Lehrplan  lediglich  nach  den
Zwecken  der  imitativen  Methode  einrichten  dürfen.  Ferner  muB  er  selbst  seine
Klasso  von  Stufe  zu  Stufe  vom  Beginn  des  Anfangsunterrichtes  bis  zur  Abschlußprüfung
  weiterführen  können,  sonst  ist  eine  Krönung  dieses  pädagogischen
Bauwerks  nicht  möglich.  Daß  zu  solchen  Versuchen  nur  wenige  Leiter  an  höheren
Lehranstalten  ihre  Einwilligung  gaben,  da  sie  dabei,  von  der  Unsicherheit  des  Gelingens
  abgesehen,  auch  den  ganzen  Lehrplan  in  den  neueren  Sprachen  auf  den
Kopf  stellen  mußten,  liegt  auf  der  Hand.  Was  man  sonst  hier  und  da  von  den
phonetischen  Experimenten  einzelner  Schwärmer  hörte,  welche  dreiviertel  Jahr  im
Anfangsunterricht  nichts  anderes  als  Lautphysiologie  trieben,  welche  vor  lauter

ı)  Zur  Reform  des  neusprachlichen  Unterrichts  auf  höheren  Lehranstalten,  1.  Heft,
Hannover  1885,  2.  Heft  18886.
*)  Vgl.  Ziehen,  Der  Frankfurter  Lehrplan  und  seine  Stellung  innerhalb  der  Schulreform,
  Vortrag  usw.  Leipzig  und  Frankfurt  a.  M.  1900,  8.  28.
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