340  Bozenzr  und  Srısuzer:  Französisch  und  Englisch.

Artikulationsgymnastik  gar  nicht  zum  praktischen  Unterricht  kamen,
mußte  natürlich  vorsichtige  und  ängstliche  Gemüter,  denen  die  Lautphysiologie
etwas  Neues  war,  a  priori  vor  der  imitativen  Methode  mit  ihrer  Anwendung
der  Lauttafeln  und  der  phonetischen  Umschrift  abschrecken.  Im  Jahre  1898
wendete  sich  Winkler  gegen  die  imitative  oder  analytisch-direkte  Methode  in
den  Verhandlungen  des  8.  Neuphilologentages  zu  Wien,  indem  er  die  von  ihm
aufgeworfene  Frage:  “Hat  die  analytisch-direkte  Methode  die  Lehrerschaft
  befriedigt?’  mit  ‘Nein!’  beantwortete,  “ihre  Schwächen  zeigte  und
vor  den  übertriebenen  Erwartungen  warnte,  welche  die  radikalen  Reformer  von
ihr  hegen.’!)  Anderseits  waren  aber  auch  konservative  Schulmänner  keineswegs
  geneigt,  zugunsten  des  rein  praktischen  Sprachbetriebes  auf  das  bedeutsame
  Zugeständnis  zu  verzichten,  das  die  preußischen  Lehrpläne  von  1882
zum  ersten  Male  den  neueren  Sprachen  machten,  daß  nämlich  die  englische
Literatur  sehr  wertvoll  sei,  und  daß  dem  Französischen  die  Aufgabe  der
sprachlich-logischen  Schulung  auf  den  lateinlosen  Schulen  (Oberrealschulen)
  zufalle.  Unter  der  Herrschaft  der  rein  imitativen  Methode,  bei  der
es  schließlich  nur  auf  eine  “volubilite  de  langue’  abgesehen  sei,  fürchtete  man,
werde  die  Würde  des  neusprachlichen  Unterrichts  und  ihrer  Vertreter  leiden,
und  der  geistbildende  Wert  desselben  werde  nicht  zutage  treten  oder  in  den
Schatten  gestellt  werden.  Dazu  kam,  daß  bei  aller  Betonung  der  praktischen
Anforderungen  es  feinfühlige  Männer  wie  Münch  und  Wätzoldt  nicht  unterließen,
  immer  wieder  auf  die  höheren  Aufgaben  hinzuweisen,  die  auch  dem
neusprachlichen  Unterrichte  zufielen.  So  bezeichnet  letzterer  im  Jahre  1892
in  einer  Rede:  ‘Über  die  Aufgaben  des  neusprachlichen  Unterrichts
und  die  Vorbildung  der  Lehrer  der  meueren  Sprachen’  als  höchste  Aufgabe
  die  Kenntnis  und  das  Verständnis  fremder  Kultur,  wodurch
der  Neuphilologe  zum  Kenner  und  Deuter  eines  mitstrebenden
Volkes,  seines  Landes,  seiner  Geschichte,  seines  Geistes,  Vermittler
des  Völkerverständnisses  und  vielleicht  auch  des  Völkerfriedens
werde,  oder  wie  Paulsen  sagt,  zu  einem  ‘Priester  der  Humanität.’?)
Das  konnte  aber  nur,  meinte  die  konservative  Richtung,  durch  einen  systematisch
  geordneten  Betrieb  der  Grammatik  geschehen,  welcher  allein  zur
sprachlich-logischen  Schulung  verhelfen  und  zum  Verständnis  der  Kultur-  und
Geistesschätze  der  fremden  Völker  führen  konnte.  So  lehnte  man  denn  im
Laufe  der  Zeit  die  rein  imitative  Methode  im  neusprachlichen  Unterricht
immer  mehr  ab,  brachte  auch  der  analytisch-direkten  Methode  das  gehoffte
Wohlwollen  nicht  entgegen,  sondern  wandte  sich  einer  Richtung  zu,  die  sich
allmählich  aus  den  verschiedenen  gegensätzlichen  Methoden  herausgebildet  hatte
und  heute  als  vermittelnde  Methode  die  meisten  Anhänger  hat.  Als  G.  Wendt
im  Jahre  1898  seine  bekannten  Thesen?)  für  die  Oberklassen  auf  dem

!)  Breymann  ‘Die  neusprachl.  Reformliteratur  von  1894—1899’  $.  66.

2,  Vgl.  Mangold  ‘Der  Unterricht  im  Französischen  u.  Englischen’  8.  21.

®,  Die  Reformmethode  in  den  oberen  Klassen  in  Realanstalten.  Abgedruckt  in  den
‘Neueren  Sprachen’  1889.  VI,  193—207.