Die  Reformbewegung:  Die  Reformmethode  auf  der  Oberstufe.  341

8.  Allgemeinen  deutschen  Neuphilologentage  in  Wien  aufstellte,  in  denen  er
Grammatik  und  Literaturgeschichte  vom  Unterrichte  gänzlich  ausschließen
und  die  Lektüre  der  Dichter  auf  ein  Semester  beschränken  wollte,  mußte
er  erfahren,  daß  man  in  den  gemäßigten  Kreisen  von  Schule  und  Universität
die  Aufgabe  des  neusprachlichen  Unterrichts  anders  auffaßte,  so  daß  er  auf  dem
9.  Allgemeinen  Neuphilologentage  zu  Leipzig  1900  seine  Thesen  selbst  wesentlich
  gemäßigter  vortrug.  Wissenschaftlicher  Betrieb  der  Grammatik  an  der
Hand  eines  systematischen  Lehrbuches  unter  Beschränkung  auf  das  Notwendige,
namentlich  in  der  Syntax,  Einübung  der  grammatischen  Erscheinungen  durch
leichte,  dem  fremdsprachlichen  Texte  inhaltlich  und  formell  angepaßte,  möglichst
  zusammenhängende  deutsche  Übungsstücke,  bei  denen  jede  Unklarheit
und  Altertümlichkeit  sorgfältig  vermieden  wird,  das  waren  die  Forderungen,  an
denen  die  gemäßigte  Reform  schließlich  festhielt  und  der  die  Lehrpläne  durch
ihren  Tenor  beistimmten.  Schon  der  Kontrolle  wegen  glaubte  man  das  Hinübersetzen
  nicht  ganz  entbehren  zu  können;  die  früher  oft  beliebte  Übersetzung
schwerer  klassischer  deutscher  Prosa  hatte  man  in  richtiger  Erkenntnis  der
stümperhaften  Ergebnisse,  die  in  keinem  Verhältnisse  zu  der  aufgewandten
Mühe  standen,  als  “eine  Kunst,  die  nicht  in  die  Schule  gehört,’  sehr  bald  fallen
lassen.  Die  Klassenarbeiten  lehnen  sich  heute  wohl  ausnahmslos  an  den  fremdsprachlichen
  Text  an,  sind  häufig  in  Rückübersetzungen  (Retroversionen)
und  freie  Niederschriften  übergegangen  und  haben  ihren  einstigen  gefürchteten
  Charakter  als  Fallgruben  schon  längst  verloren.  Mit  UI  soll  nach
allgemeiner  Übereinstimmung  ein  Abschluß  der  Formlehre  erreicht  sein;
mit  Recht  fällt  daher  den  Mittelklassen  die  sichere  Einübung  der  grammatischen
  Erscheinungen  und  Gesetze  zu.  Dies  im  allgemeinen  der  Standpunkt,
  den  die  gemäßigte  Reform  heute  in  der  Frage  der  Ausdehnung  des
grammatischen  Betriebes  einnimmt.

Bei  diesem  Kapitel  sei  zum  Schlusse  noch  erwähnt,  daß  sich  unter  der
Anzahl  der  Schriften,  die  sich  über  die  Methodik  des  fremdsprachlichen  Unterrichts
  verbreiten,  verhältnismäßig  wenige  befinden,  die  über  den  Reformunterricht
  auf  der  Oberstufe  berichten;  es  sei  deshalb  hier  hingewiesen  auf  Gundlachs
  Vortrag:  “Reformunterricht  auf  der  Oberstufe’  (“Neuere  Sprachen’
1896  111,462—470)  und  den  schon  früher  erwähnten  Vortrag  G.  Wendts:  ‘Die
Reformmethode  in  den  oberen  Klassen  der  Realanstalten’  (Verhandlungen
  des  8.  Neuphilologentages  za  Wien  1898,  S.  66ff.).  Hierher  gehört  auch
vor  allem  der  Vortrag,  den  Max  Walter  im  Jahre  1894  auf  dem  6.  Allgemeinen
deutschen  Neuphilologentage  zu  Karlsruhe  ‘Über  schriftliche  Arbeiten  im
fremdsprachlichen  Unterrichte  nach  der  neueren  Methode’')  gehalten
hat  und  dessen  beide  Thesen  einstimmig  angenommen  wurden:  1.  Freie
Schreibeübungen  im  Anschluß  an  die  Lektüre  sind  als  Ersatz  der
Übersetzungen  aus  dem  Deutschen  zuzulassen.  2.  Es  ist  zu  wünschen,
  daß  in  den  Abschluß-  und  Reifeprüfungen  an  Stelle  der  bis-1)

  Abgedruckt  in  den  "Neueren  Sprachen’  1894.  II,  437  —442.