Die  Reformbewegung:  Schullektüre.  343

stehen!,  entstanden  in  kurzer  Zeit  eine  groBe  Reihe  von  französischen  und  englischen
Textausgaben,  die,  von  kundiger  Hand  geleitet,  in  zahlreichen  Sammlungen  dem  deutschen
Volke  zugänglich  gemacht  wurden.  Die  Velhagen-Klasingsche  Sammlung  nahm  einen
wesentlichen  Aufschwung  unter  Wychgrams  und  Engwers  Leitung,  die  Rengersche  unter
Dickmann,  die  Gärtner-Heyfeldersche  unter  Bahlsen  und  Hengesbach,  die  Weidmannsche
  unter  Lücking  und  Hausknecht,  die  Freytsgsche  unter  Pariselle-Müller.
Daneben  bewährten  sich  weiter  die  Tauchnitz-Ausgaben,  die  Sammlungen  bei  Kühtmenn,
  Pierer  und  last  not  least  die  Hartmannschen  Schulausgaben  im  Verlage  von
Dr.  Stolte.  Etwas  älteren  Datums  ist  die  neuerdings  von  Hans  Friedrich  in  Berlin  verlegte
Englische  Schülerbibliothek  von  Prof.  Dr.  Wiemann,  während  die  von  Heinrich
Saure  herausgegebenen  Modern  English  Authors  wieder  jüngeren  Ursprungs  sind.  Sehr
gut  eingeführt  haben  sich  in  neuerer  Zeit  Perthes’  Schulausgaben  englischer  und  französischer
  Schriftsteller.  Die  neueste  Erscheinung  auf  diesem  Gebiete  ist  die  von  Hubert
und  Mann  herausgegebene  “Neusprachliche  Reformbibliothek’  im  Verlage  von
A.  Roßberg  in  Leipzig,  welche  Einleitung,  Anmerkungen  und  Wörterbuch  nur  in  der  Fremdsprache
  gibt,  und  die  Bibliothöque  frangaise  von  Karl  Graeser&amp;Ko.  in  Wien.  Auch
sind  in  Jüngster  Zeit  mehrere  einsprachige  Wörterbücher  geschaffen  worden.  Inwieweit  sich
diese  einsprachigen  Textausgaben  bewähren  werden,  muß  erst  die  Erfahrung  lehren.  Der
Gärtner-Heyfeldersche  Verlag  hat  einen  ähnlichen  Versuch  gemacht,  z.  B.  in  der  Ausgabe
  des  Theätre  moderne  von  Kron,  der  jedoch  nicht  ganz  so  weit  geht,  insofern  als  zwar
die  Anmerkungen  in  französischer  Sprache  gegeben  sind,  nicht  aber  auch  die  Einleitung.
Neuerdings  hat  auch  die  Verlagsbuchhandlung  von  Velhagen  und  Klasing  eine  Sammlung
  von  neusprachlichen  Textausgaben  begonnen,  in  denen  die  Anmerkungen  usw.  nur  in
der  Fremdsprache  gegeben  sind.  Eine  der  allerjüngsten  Sammlungen  sind  die  von  Prof.
.Dr.  Klapperich  bei  K.  Flemming  in  Glogau  unter  dem  Titel:  ‘Englische  und  französische
  Schriftsteller  der  neueren  Zeit  für  Schule  und  Haus’  herausgegebenen
Textausgaben,  zu  denen  die  Anmerkungen  in  der  A-Ausgabe  deutsch,  in  der  B-Ausgabe  in
der  Fremdsprache  abgefaßt  sind,  so  daB  wir  zwei  Ausgaben  nebeneinander  haben.

Dieser  rege  Betrieb  auf  dem  Gebiete  der  Schulschriftstellerlektüre  war  vor
allen  Dingen  den  seit  etwa  1879  gegebenen  Anregungen  von  Männern  wie
Lion,  Münch,  v.  Sallwürk,  Bechtel,  Foth,  Vogel,  Kasten,  Hemme,
Voelcker,  Sarrazin,  Ulbrich  zu  danken,  die  in  ihren  Schriften  -einen
methodischen  Betrieb  der  Schullektüre  anbahnten.!)  Das  war  sehr  notwendig,
  denn  die  radikalen  Reformer  wollten  natürlich  auch  auf  diesem  Gebiete
  alles  auf  den  Kopf  stellen.  Zunächst  schwur  man  der  Chrestomathie
den  Tod;  Losung  war  der  Einzelschriftsteller  Man  betonte,  daß  sich  der
Schüler  in  den  Autor  hineinlesen  und  hineinleben  müsse;  das  könne  nicht  durch
die  Chrestomathie  geschehen,  die  nur  Brocken  aus  einzelnen  Schriftstellern  biete,
sondern  eben  nur  durch  das  Lesen  vollständiger  Werke.  Man  vergaß,  daß  der
Schüler  auf  diese  Weise  nur  verhältnismäßig  sehr  wenige  Schriftsteller  kennen
lernte,  und  daß  die  Verbindung  zwischen  den  einzelnen  Schriftstellern  oft  doch
nur  mühsam  durch  literaturgeschichtliche  Notizen  herzustellen  war,  während
sich  dieser  Zusammenhang  mühelos  bei  einer  systematischen  Benutzung  einer
geschickt  auswählenden  Chrestomathie  von  selbst  ergab,  und  die  Schüler  wenigstens
  eine  gute  Übersicht  über  das  Gesamtgebiet  der  Literaturgeschichte  erhielten.
  Noch  einen  anderen  Grund  hatte  man  für  die  Abschaffung  der  Chrestomathie:

  sie  war  den  Radikalen  meist  zu  akademisch;  sie  enthielt  zu  wenig

!)  Über  ihre  Schriften  vgl.  Breymanns  Reformliteratur.