344  Bozaser  und  Srımurzz:  Französisch  und  Englisch.

von  den  Realien,  und  als  erst  das  Schlagwort  Realien  gefallen  war,  verlangte
man,  daß  die  Lektüre  die  Realien  gebührend  betone.  Die  klassischen
Schriftsteller  wurden  als  überständig  abgesetzt,  die  modernen,  in  denen
Länder-  und  Völker-,  Sach-  und  Realienkunde  die  Hauptrolle  spielten,
traten  die  Herrschaft  an.  Besonders  der  Gärtnersche  Verlag  befleißigte  sich
der  Herausgabe  derartiger  Werke.  Daneben  trat  der  moderne  Roman  siegesbewußt
  auf  den  Plan.  Die  Jungphilologen  edierten  fieberhaft  alles,  was
ihnen  unter  die  Hand  kam,  selbst  Zola  bot  der  Schullektüre  Stoff.  Bald
häufte  sich  der  Lektürestoff  derart,  daß  sich  der  Allgemeine  deutsche  Neuphilologenverband
  im  Interesse  eines  geregelten  Lektürebetriebes  mit  seiner
Sichtung  befassen  zu  müssen  glaubte  und  1898  einen  Kanon-Ausschuß  unter
Führung  von  Müller  und  Kron  behufs  Aufstellung  einer  Liste  von  brauchbaren
  Schulschriftstellern  einsetzte,  wobei  er  als  Aufnahmebedingung  in  den
Kanon  wissenschaftlichen  Wert  der  Anmerkungen  und  erziehlichen
Wert  der  Schriftsteller  forderte.  Diese  Listen  erschienen  denn  auch  im  Jahre
1902  unter  dem  Titel:  “Französischer  (bzw.  englischer)  Lektüre-Kanon.’
Verzeichnis  aller  bis  zum  15.  März  1902  vom  Kanonausschuß  des  Allgemeinen
deutschen  Neuphilologenverbandes  für  brauchbar  erklärten  Schulausgaben  französischer
  (bzw.  englischer)  Schriftsteller.  Zusammengestellt  von  R.  Kron-Kiel  (bzw.
Prof.  Dr.  Hermann  Müäller-Heidelberg')),  z.  Z.  Vorsitzender  der  französischen  (bzw.
englischen)  Abteilung  des  Kanonausschusses  des  A.D.N.-V.,  Marburg  in  Hessen.
N.G.  Elwertsche  Verlagsbuchhandlung  1902.’  Schon  früher,  1892,  hatte  ein  hochverdienter
  Schulmann,  Adolf  Kreßner,  der  langjährige  Herausgeber  der  Franco-Gallia,
  durch  seinen  ‘Führer  durch  die  französische  und  englische  Schullektüre,
  2.  Auflage.  Wolfenbüttel  1894”  den  Fachgenossen  einen  guten
Wegweiser  in  dem  Wirrwarr  der  neusprachlichen  Schulausgaben  und  Schulbuchliteratur
  gegeben.

Hat  somit  schon  der  Allgemeine  Neuphilologenverband  sich  veranlaßt  gesehen,
  eine  Sichtung  der  fremdsprachlichen  Lektüre  eintreten  zu  lassen,  so  fehlt
es  nicht  an  Stimmen,  die  vor  einem  zu  hastigen,  fieberhaften  Edieren  warnen.?)  In
der  letzten  Zeit  hat  sich  denn  auch  bezüglich  der  Lektüre  eine  vermittelnde
Richtung  herausgebildet,  welche  auf  dem  Standpunkt  steht,  daß  auf  die
Lektüre  der  klassischen  Schriftsteller  auf  keinen  Fall  Verzicht
geleistet  werden  kann.  DaB  man  in  den  breiten  Schichten  der  neuphilologischen
  Lehrerschaft  ein  Aufgeben  der  Lektüre  der  Geistesheroen  unserer
nachbarlichen  Kulturstaaten  zugunsten  einer  einseitigen  Bevorzugung  der  Sachund
  Realienlektüre  nicht  wünscht,  beweist  die  schon  erwähnte  Ablehnung  der
Wendtschen  Thesen  im  Jahre  1898  in  Wien,  wonach  die  Dichterlektüre
auf  ein  Semester  beschränkt  und  alle  Literaturgeschichte  ausgeschlossen
  werden  sollte.  Mit  Recht  sagt  denn  auch  Mangold  (a.  a.  O.  8.29):
‘Es  muß  ein  ethischer  und  ästhetischer  Wert  in  dem  Werk  enthalten  sein,  das
dem  Schüler  in  die  Hand  gegeben  wird’,  und  S.30  fährt  er  fort:  "Klassische

1)  Inzwischen  verstorben;  jetzt  Prof.  Dr.  Scherffig-Zittau.
x),  Mangold,  Der  franz.  und  engl.  Unterricht,  8.  29.