Die  Reformbewegung:  Unterrichtsesprache.  345

Lektüre  ist  das  Beste  und  Erhabenste,  das  wir  lesen  können.  Sie  muß  vorwiegen,
  wenn  wir  den  Anspruch  auf  Geistesbildung  nicht  preisgeben  wollen,
und  auch  die  Literaturgeschichte  ist  nötig,  denn  sie  soll  die  höchsten  Gedanken
der  bedeutendsten  Männer  in  vollendeter  Form  mitteilen...”  Mangold  führt
dann  weiter  aus,  daB  neben  Shakespeare  und  Moliöre,  welche  die  preußischen
Lehrpläne  namhaft  machen,  auch  Lafontaine,  Montesquieu,  Voltaire,  Victor
Hugo;  Milton,  Byron,  Dickens  in  Betracht  kommen,  und  schlägt  vor,  da  diese
‘führenden  Geister  nicht  alle  gelesen  werden  können,  die  übrigbleibenden  in
anzuknüpfenden  literarhistorischen  Mitteilungen’  zu  behandeln,  wozu  sich  vielleicht
  ‘geschickt  zusammengestellte  Chrestomathien’  verwenden  lassen.  In
der  Tat  hat  sich  diese  Praxis  an  nicht  wenig  Anstalten  eingebürgert  und  scheint
sich  zu  bewähren.  An  erster  Stelle  steht  also  der  Einzelschriftsteller;  daneben
wird  die  Kenntnis  der  Literatur  durch  die  Lektüre  der  Chrestomathie  vermittelt.!)
  —  Auf  der  anderen  Seite  hat  sich  die  Reform  insofern  ein  großes  Verdienst
  erworben,  als  sie  der  Lektüre  durch  zahlreiche  Neuausgaben  moderner
Schriftsteller  ein  viel  weiteres  Ausdehnungsgebiet  verschafft  hat  und  den  Bedürfnissen
  der  Gegenwart  durch  zeitgemäße  Auswahl  der  Lektürestoffe  gerecht
geworden  ist  und  gerecht  zu  werden  sucht.  Auch  die  ‘gemäßigten’  Reformer,
die  Anhänger  der  ‘vermittelnden’”  Methode,  lesen  mit  ihren  Schülern  Stoffe  aus
Daudet,  Loti,  Wafflard  et  Fulgence,  Figuier,  Burnett,  Mrs.  Craiks,
Bulwer,  Brewster.  Französische  und  englische  Sitten  und  Gebräuche,  Geographie
  und  Geschichte  werden  durch  die  Lektüre  den  Schülern  heutzutage  auf
die  verschiedenartigste  Weise  vermittelt.  An  naturwissenschaftlichen  Abhandlungen,
  die  für  die  Schule  bearbeitet  sind,  ist  ebensowenig  Mangel  wie  an
kleinen  modernen  Lustspielen,  und  französisches  und  englisches  Schulleben  wird
in  den  zahlreichen  Neuausgaben  mit  Vorliebe  behandelt.  Selbst  an  einer  Sammlung
  von  Festspielen  zu  Schüleraufführungen,  die  unter  Penners  bewährter
  Leitung  bei  Renger  erscheint,  fehlt  es  nicht.  Im  Jahre  1897  wurde  eine
Zentralstelle  für  Schriftstellererklärung  unter  der  Leitung  von  Dr.  Konrad
  Meier-Dresden  gebildet,  welche  ihre  Erklärungen  in  den  ‘Neueren  Sprachen’
veröffentlicht  und  schon  manche  Unklarheit  besonders  schwieriger  Stellen  der
Lektüre  gehoben  hat.

Seit  1892  stellt  auch  die  preußische  Unterrichtsverwaltung  die
Lektüre  in  den  Mittelpunkt  des  Unterrichts,  und  nach  den  neuesten
Lehrplänen  von  1901  soll  die  Lektüre  “das  vornehmste  Gebiet  des  Unterrichts
bilden  und  wenigstens  in  der  zweiten  Hälfte  der  gesamten  Unterrichtszeit  wertvollen
  Inhalt  in  edler  Form  darbieten.

Was  die  Unterrichtssprache  anlangt,  so  wollten  natürlich  die  Radikalen,
daß  im  Französischen  und  Englischen  von  Anfang  an  kein  Wort  Deutsch  falle.
Auch  davon  sind  sie  selbst  abgekommen  und  durch  die  Praxis  zu  gewissen

Kühn,  Boerner-Pilz,  Klincksieck,  die  englischen  von  Vietor-Dörr,  Klapperich,
G.  Krüger  entsprechen.