346  Boerner  und  Srtıeater:  Französisch  und  Englisch.

seits  die  bisher  die  Sprechübungen  wenig  pflegenden  Lehrer  infolge  des  ganzen
veränderten  Unterrichtsbetriebes  genötigt  sahen,  sich  der  Fremdsprache  mehr
als  vordem  zu  bedienen.!)  Die  preußischen  Lehrpläne  (S.  44)  bezeichnen  es  als
wünschenswert,  daß  die  Lehrer  im  Unterrichte,  ‘sofern  sie  dies  in  gedeihlicher
  Weise  zu  tun  vermögen’,  die  Fremdsprache  zur  Anwendung  bringen.

Die  weiteren  Forderungen  der  obersten  Schulbehörden  decken  sich  mit  den
Anschauungen  der  ‘gemäßigten’  Reform,  so  daß  auch  im  übrigen  auf  die  Lehrpläne
  verwiesen  werden  kann.

Es  bleibt  uns  nur  noch  übrig,  einige  Begleiterscheinungen  zu  charakterisieren,
die  in  mittelbarem  oder  unmittelbarem  Zusammenhange  mit  der  Reform  stehen.  Der  rege
Austausch,  der  alsbald  nach  Quousque  Tandems  Ruf  in  Wort  und  Schrift  erfolgte,  legte
den  Neuphilologen  den  Gedanken  nahe,  sich  zu  Vereinen  zusammenzuschließen,  in  denen
die  brennenden  Streitfragen  besser  geklärt  werden  könnten,  und  so  entstanden  denn  zunächst
in  größeren,  besonders  in  Universitätsstädten,  zahlreiche  neuphilologische  Vereine
unter  den  Lehrern,  die  dann  schließlich  im  Jahre  1886  zur  Gründung  des  Allgemeinen
deutschen  Neuphilologenverbandes  (D.N.-V.)  führten.  Im  Oktober  1886  wurde  denn
such  auf  Stengels  und  Vietors  Anregung  von  Ey  der  1.  Deutsche  allgemeine  Neuphilologentag
  zu  Hannover  eröffnet,  der  anfangs  jährlich,  seit  1888  aller  2  Jahre  abgehalten
worden  ist.  Der  Verband  zählt  jetzt  über  1700  Mitglieder.  Zweck  desselben  ist  ‘Pflege  der
neueren  Philologie,  insbesondere  die  Förderung  einer  lebhaften  Wechselwirkung  zwischen
Universität  und  Schule,  Wissenschaft  und  Praxis’  Und  damit  haben  wir  gleich  zwei  Verdienste
  der  Reform  berührt,  die  Veranlassung  zum  Zusammenschluß  aller  Fachgenossen
  zu  größeren  und  kleineren  Verbänden,  und  die  ‘Förderung  einer  lebhaften
  Wechselwirkung  zwischen  Universität  und  Schule’.  Die  Gründung  des
Allgemeinen  deutschen  Neuphilologenverbandes  führte  dann  zur  Gründung  einer  Anzahl
einzelner  Verbände  und  Vereine:  u.  a.  des  am  10.  November  1896  auf  Prof.  Hartmanns  Anregung
  gegründeten  Sächsischen  Neuphilologenverbandes  und  des  am  5.  April  1899
ins  Leben  gerufenen  Bayrischen  Neuphilologenverbandes.  Aus  diesen  Vereinigungen
heraus,  die  rasch  eine  lebhafte  Tätigkeit  entfalteten,  gingen  denn  nun  die  vielfachen
Wünsche  und  Hoffnungen  der  neusprachlichen  Lehrerschaft  hervor,  vor  allem  die  Einstellung
  von  Beisestipendien  für  die  Lehrer  der  neueren  Sprachen  in  den  Staatshaushalt,
  und  in  der  Tat  sind  denn  auch  die  deutschen  Bundesstaaten  diesem  Wunsche  mehr
oder  weniger  nachgekommen,  allerdings  noch  lange  nicht  in  dem  Maße,  daß  man  sich  von
den  wenigen  Stipendien  einen  nachhaltigen  Erfolg  versprechen  könnte.  Es  soll  jedoch
nicht  vergessen  werden  zu  erwähnen,  daß  eine  ganze  Reihe  großer  Städte  namhafte  Stipendien
  für  ihre  neusprachlichen  Lehrer  aussetzten  und  den  Landeeregierungen  mit  leuchtendem
Beispiele  vorangingen,  in  der  richtigen  Erkenntnis,  daß  das  Auslandsstudium  für  ihre
Schulen  einen  großen  Gewinn  bedeutet.  Was  nun  den  Auslandsaufenthalt  selbst  anlangt,
so  haben  sich  energische  Männer  der  Reform,  an  ihrer  Spitze  Martin  Hartınann,  die  größten
Verdienste  um  seine  Förderung  erworben.  Wie  ehemals  der  Student  der  neueren  Philologie  auf
der  Universität  ohne  Anhalt,  ohne  Studienplan,  nur  auf  sein  Gefühl,  auf  sich  selbst  angewiesen
war,  während  er  heute  durch  einen  wohlgeregelten  Studienplan  und  zahlreiche  andere  Hilfemittel
  unterstützt  wird,?)  so  stand  er  auch  bezüglich  der  Frage  eines  Auslandsaufenthaltes
ganz  allein  da.  Die  wenigen  Neuphilologen,  die  vor  ihm  im  Auslande  gewesen,  hatten
daselbst  oft  sehr  schlechte  Erfahrungen  gemacht.  Sie  hatten,  soweit  sie  keine  Empfehlungen

ı)  Vgl.  Beyer  ‘Der  neue  Sprachunterricht,  Köthen  1898’  und  Kornfeld  ‘Auswüchse
der  analytischen  Methode  in  Kolbes  Zeitschr.  für  das  Realschulwesen  1898’  XVIU,  706—-712.

2)  Vgl.  besonders:  Max  Gaßmeyer  ‘Wie  studiert  man  neuere  Philologie?  1908,
Leipzig,  Roßberg’,  und  Bruno  Busse  ‘Wie  studiert  man  neuere  Sprachen?  Ein  Ratgeber
für  alle,  die  sich  dem  Studium  des  Deutschen,  Englischen  und  Französischen  widmen.
Stuttgart,  M.  Violet.  1904.’