Die  Reformbewegung:  Ferienkurse.  347

besaßen,  entweder  isoliert  dagestanden  oder  waren  'Sklaven  des  ausländischen  Schuldienstes
gewesen;  beides  hatte  ihrer  fremdsprachlichen  Ausbildung  nicht  sehr  förderlich  sein  können.
Vielfach  hatten  sie  sich  wohl  auch  in  die  großen  wissenschaftlichen  Bibliotheken  von  Paris
und  London  vergraben  und  wenig  genug  von  dem  lebendig  pulsierenden  Leben  und  Treiben
der  Großstadt  gesehen  und  gehört.  Dies  sollte  nun  ganz  andere  werden.  Man  kniipfte
zunächst  Verbindungen  mit  dem  Auslande  an,  um  die  Adressen  guter  Pensionen  zu  erlangen,
  in  denen  das  praktische  Sprachstudium  der  Deutschen  eine  wirkliche  Förderung
erfahren  konnte,  und  so  wurde  im  Jahre  1899  in  Leipzig  der  Sitz  eines  Internationalen
Pensionsnaschweises  (I.  P.  N.)  errichtet  (Verwalter  wurde  Gymn.-Oberlehrer  Dr.  Gaßmeyer,
  Leipzig-Gohlis,  Äußere  Hallesche  Str.  18).  Die  eingegangenen  Adressen  guter  Auslandspensionen
  werden  regelmäßig,  meist  mit  dem  Namen  des  Deutschen,  der  sie  empfiehlt,  in
den  ‘Neueren  Sprachen’  bekannt  gegeben.  In  neuerer  Zeit  hat  der  Internationale  Pensionsnachweia
  (I.  P.  N.)  eine  wesentliche  Förderung  dadurch  erhalten,  daß  er  in  den  Dienst  des
Deutschen  Nenphilologenverbandes  (D.  N.-V.)  getreten  ist.  Am  1.  Mai  1903  ist  die  20.  Liste
des  I.P.N.  erschienen,  welche  18  deutsche,  2  belgische,  48  französische,  19  englische  und
10  schweizerische  Pensionsadressen  enthält.  —  Im  Jahre  1899  beschloßB  der  Sächsische
Neuphilologenverband  (S.  N.-V.)  einen  Stellennachweis  für  das  deutsche,  englische
  und  französische  Sprachgebiet  mit  dem  Sitze  in  Leipzig  zu  begründen
(Verwalter:  Dr.  Gaßmeyer,  Leipzig-Gohlis,  Äußere  Hallesche  Str.  18).  Wie  die  Berichte  des
S.  N.-V.  ergeben,  hat  dieser  Stellennachweis  trotz  mannigfacher  Erfolge  nach  etwa  dreijähriger
  Tätigkeit  wieder  eingezogen  werden  müssen,  da  die  Unkosten  im  Laufe  der  Zeit
eine  Höhe  erreichten,  der  die  Finanzen  des  Verbandes  nicht  mehr  gewachsen  waren.
Das  Ausland  kam  dem  lebhaften  Streben  der  deutschen  Neuphilologen,  die  Fremdsprache
  von  Grund  auf  zu  erlernen,  bereitwillig  entgegen,  indem  es  an  Universitäten  und
Hochschulen  Ferienkurse  für  Fremde  eröffnete,  die  sich  bald  einer  großen  Beliebtheit  und
eines  starken  Zuspruchs  erfreuten,  go  besonders  das  an  der  Universität  Genf  von  Prof.  Bouvier
(vorher  Lektor  in  Berlin)  im  Jahre  1890/91  eingerichtete  S6minaire,  dessen  Übungen  sich
suf  Aussprache,  Stil,  Sprechfertigkeit,  Literatur  und  Volkskunde  erstreckten  und  sich  wegen
der  beschränkten  Zahl  der  Teilnehmer  als  besonders  wirksam  erwiesen.  Bald  folgten  andere
Städte  wie  Lausanne,  Neuchätel,  Grenoble,  Paris,  Nancy,  Lille,  Caen,  Tours,  Montpellier,
Besangon.  Auch  England  blieb  nicht  hinter  Frankreich  zurück  in  der  Bildung  ähnlicher
Ferienkurse  in  Cambridge,  Oxford,  London,  Edinburgh.  Namentlich  wurden  hier  auch  eigene
Kurse  für  Frauen  eröffnet,  z.  B.  in  King’s  College,  London,  University  of  London,  13,
Kensington  Square,  W.  und  in  St.  Hildss  Hall,  Oxford,')  in  der  alljährlich  ein  Vacation
Course  for  Foreign  Women  Students  abgehalten  wird.  Nahm  sich  in  Frankreich,
vor  allem  in  Paris,  die  Alliance  fransaise  besonders  der  Kurse  an,  um  sie  wissenschaftlich
  zu  gestalten,  so  boten  in  England  die  University  Summer  Meetings  in  Edinburgh,
  die  University  Extension  Meetings  in  Cambridge  und  Oxford  wissenschaftliche
  und  praktische  Belehrung  in  reichem  Maße.  Über  den  Studienaufenthalt  im
Auslande  hatte  im  Jahre  1900  zuerst  genauer  berichtet:  Roßmann,  ‘Ein  Studienaufenthalt
  in  Paris’.  Es  folgte  ihm  nun  1901  Neumann  mit  seinem  ‘Führer  durch  die
Städte  Nancy,  Lille,  Caen,  Tours,  Montpellier,  Grenoble,  Besangon’,  und
Reusch  behandelte  den  ‘Studiensufenthalt  in  England’  im  Jahre  1903  in  einem
bei  Elwert  erschienenen  Werkchen.  Groß  ist  die  Zahl  der  kürzeren  Berichte,  die
sodann  von  seiten  der  neusprachlichen  Lehrerschaft  besonders  in  den  ‘Neueren  Sprachen’
veröffentlicht  worden  sind,  so  daß  heutzutage  jeder  Neuphilologe  vollkommen  Gelegenheit
hat,  sich  über  den  Aufenthalt  im  Auslande  sowie  über  die  Ferienkurse,  über  ihren  praktischen
  und  theoretischen  Wert  hinreichend  zu  unterrichten  und  die  Gegend,  in  der  er  sich
aufhalten  will,  seinem  Greschmacke  und  seinen  Zwecken  entsprechend  zu  wählen.  Fast
in  jedem  neusprachlichen  Vereine  berichten  einzelne  Mitglieder  ausführlich  über  die  Erfahrungen
  ihres  Auslandsaufenthaltes  und  die  von  ihnen  besuchten  Ferienkurse,  und  so

1)  Vgl.  die  ‘Neueren  Sprachen’  X,  S.  512  u.  576.