248  Boxrnzr  und  Srıeurze:  Französisch  und  Englisch.

erfährt  die  Kenntnis  der  fremden  Verhältnisse  eine  nicht  geringe  Ausdehnung.  Über  den
Wert  der  Ferienkurse  ist  man  verschiedener  Meinung,  und  es  muß  einem  jeden  fiberlassen
bleiben,  sich  eingehend  über  den  Kursus,  den  er  mitmachen  will,  zu  belehren.  Die  fremden
Universitäten  versenden  fast  durchgängig  geraume  Zeit  vorher  ihre  Prospekte,  aus  denen
jeder  ersehen  kann,  was  geboten  wird.  Was  die  Ferienkurse  an  deutschen  Unirersitäten
  anbetrifft,  so  hatte  in  Berlin  Kabisch  im  Jahre  1889  F'erienkurse  eingerichtet,
  denen  dann  bald  solche  in  Frankfurt  a.  M.,  Marburg,  Greifswald,  Göttingen,
  Jena  folgten,  die  zum  Teil  unter  Beihilfe  von  Ausländern  für  Lehrer  und  Lehrerinnen
  der  neueren  Sprachen  abgehalten  wurden  und  sich  auf  den  verschiedensten  theoretischen
  und  praktischen  Gebieten  des  fremdsprachlichen  Unterrichts  bewegten.  Auch  über
diese  Kurse  gehen  die  Meinungen  stark  auseinander  ‚!)  und  es  wird  einem  jeden  überlassen
bleiben  müssen,  sich  vorher  durch  die  Prospekte  genau  zu  unterrichten,  was  er  zu  erwarten
hat.  Ist  auf  der  einen  Seite  der  Nutzen  der  Ferienkurse  unverkennbar,  so  soll  andererseits
  nicht  verschwiegen  werden,  daß  diese  Ferienkurse  für  die  Teilnehmer  keineswegs
eine  Erholung,  sondern  vielmehr  eine  außerordentliche  Anstrengung  bedeuten.
  Es  wäre  also  wünschenswert,  daß  dem  mit  Arbeit  ohnehin  überbürdeten  deutschen
Neuphilologen  für  diese  Extraleistung  wenigstens  eine  gewisse  Erleichterung  während  der
nächsten  Schulwochen  zuteil  würde.  Richtiger  wäre  es  freilich,  wenn  diese  Fortbildungskurse
  überhaupt  nicht  in  die  Ferien  fielen  —  denn  die  Ferien  sollen  doch  eben  zur  Erholung
  da  sein  und  dem  Lehrer  die  nötige  Kräftigung  für  die  Schulzeit  geben  —,  sondern
ihnen  entweder  vorausgingen  oder  sich  ihnen  anschlössen,  was  von  seiten  der  Universität
auf  keine  allzugroßen  Schwierigkeiten  stoßen  würde,  da  die  Universitätsferien  ohnehin
länger  dauern  als  die  Schulferien.  Für  die  Lehrer  würde  sich  allerdings  eine  kurze  Beurlaubung
  nötig  machen.  Hier  sei  denn  überhaupt  gleich  die  Bemerkung  angeknüpft,  daß
es  nur  im  Interesse  der  Behörde  liegen  kann,  den  Neuphilologen  in  bezug
auf  Urlaubsbewilligung  zu  Fortbildungskursen  und  Auslandsreisen  möglichst
  entgegenzukommen  und  mit  pekuniären  Unterstützungen  nicht  zurückzuhalten,
  da  der  Nutzen,  den  diese  Kurse  sowie  der  Auslandssaufenthalt  mit
sich  bringen,  für  den  Unterricht  unverkennbar  ist.  Auch  würde  der  Neuphilolog
noch  intensiver  zu  wirken  imstande  sein,  wenn  die  Zahl  der  Stunden,  die  er  zu  geben
hat,  herabgesetzt  würde.  Bekanntlich  hat  der  neusprachliche  Lehrer  in  Frankreich  nur
15,  in  Österreich  14—17  Stunden  Unterricht.  Selbst  so  vorsichtig  wägende  Männer  wie
Münch  verlangen,  neben  Freiheit  der  Bewegung  des  neusprachlichen  Lehrers  bezüglich  der
Methode,  Entlastung  desselben  und  Anspruch  auf  Reiseurlaub  nach  dem  Auslande
aller  5  Jahre.)  Was  die  Zeit  des  Auslandsaufenthalts  anlangt,  so  ist  schon  oft  betont
worden,  daß  ein  Aufenthalt  im  Frühling  oder  Späütherbest,  für  festangestellte  Lehrer
wenigstens,  günstiger  ist  als  während  der  Sommerferien;  dies  gilt  besonders  für  die  beiden
Metropolen  Paris  und  London,  da  hier  im  Sommer  nicht  nur  alles  gesellschaftliche  Leben  ausgestorben,
  sondern  auch  die  drückende  Hitze  so  ungemein  lästig  ist,  daß  sie  erschlaffend  wirkt.?)

Es  lag  nahe,  daß  die  Reformer  aufmerksamer,  ale  dies  bisher  geschehen,  das  fremde
Schulwesen  studierten,  um  an  dessen  Organisation  und  Methodik  die  eigene  zu  prüfen  und
zu  verbessern.  Früher  schon  hatten  Wiese  und  Heinzig  über  englisches  und  französisches
  Unterrichtewesen  berichtet.‘)  Später  tat  dies  u.  a.  Breul  in  seiner  Abhandlung  über

1)  Vgl.  u.  a.  ‘Über  die  Ferienkurse  der  Alliance  francaise  in  Paris  im  Sommer  1889’
in  den  ‘Neueren  Sprachen’  VIII,  S.  87ff.  und  “Einiges  über  Ferienkurse’  in  den  “Neueren
Sprachen’  IX,  S.  117  ff.

7)  Münch,  Der  Betrieb  der  neueren  Sprachen  seit  1900.  Gutachten  für  das  preußische
Kultusministerium,  abgedruckt  in  den  ‘Neueren  Sprachen’  IX,  S.  6öfl.

5,  Vgl.  Thiergen,  Methodik  des  neuphilologischen  Unterrichts,  S.  5ff.

*  Wiese,  Deutsche  Briefe  über  englische  Erziehung.  3.  Aufl.  1877  und  Heinzig,  Die
Schule  Frankreichs  in  ihrer  historischen  Entwicklung,  besonders  seit  dem  deutsch-französischen
  Kriege  von  1870/71,  2.  Aufl.  Leipzig  und  Frankfurt  a.  M.  1902,