Die  Reformbewegung:  Studium  des  fremden  Schulwesens.  349

‘Die  Organisation  des  höheren  Schulwesens  in  Großbritannien’,  München  1897.')
Auf  Grund  seiner  im  Auftrage  des  sächs.  Kultusministeriums  von  Ende  September  1895
bis  Ende  März  1896  unternommenen  Studienreise  veröffentlichte  Martin  Hartmann  seine
‘Reiseeindrücke  und  Beobachtungen  eines  deutschen  Neuphilologen  in  der
Schweiz  und  Frankreich,  Leipzig  1897.”  Die  gewissenhaften  Aufzeichnungen,  die  er
uns  in  seinem  Werke  gibt,  bieten  uns  ein  treffliches  Material  für  die  Kenntnis  des  französischen
  Schulwesens.  Seitdem  haben  deutsche  Lehrer  öfters  Gelegenheit  gehabt,  in  ausländischen
  Schulen  zu  hospitieren  und  den  Unterricht,  durch  Fremde  erteilt,  aus  eigener
Anschauung  kennen  zu  lernen.  In  Frankreich  ist  zum  Hospitieren  gesetzlich  eine  Erlaubnis
des  Unterriohtsministeriums  sowie  ein  von  der  deutschen  Gesandtschaft  beglaubigtes  Gesuch
nötig.  Doch  wird  diese  Bestimmung  nicht  immer  in  ihrer  ganzen  Strenge  aufrechterhalten,*)
  namentlich  sind  die  Deutschen  in  dieser  Beziehung  M.  Schweitzer,  Professor
am  Pariser  Lycde  Janson-de-Sailly,  zu  Danke  verpflichtet,  den  als  energischen  Reformer
  ja  sehr  enge  Beziehungen  mit  deutschen  Reformern  verknüpfen  und  der  als  Abgesandter
  der  französischen  Regierung  den  Neuphilologentagen  von  1900,  190%  und  1904  beiwohnte,
  über  welche  er  in  der  ‘Revue  Universitsire’  Bericht  erstattet  hat.  Ein  weiterer
Fortschritt  für  das  Studium  der  fremdsprachlichen  Methodik  im  Auslande  selbst  ist  insofern
zu  verzeichnen,  als  seit  September  1901  von  Prof.  Chabot  in  Lyon,  welcher  1899  an  dem
Marburger  Ferienkursus  mitgewirkt  hat,  Fremdenkurse  eröffnet  wurden,  in  denen  er  mit
den  Fremden  pädagogische  Hospitierversuche  in  den  verschiedenen  Lyoner  Volksschulen
und  höheren  Unterrichtsanstalten  in  Verbindung  mit  seinen  Vorträgen  über  das  französische
  Schulwesen  anstellte.?)  Dies  ist  namentlich  auch  deshalb  von  besonderer  Bedeutung,
ale  hierdurch  der  Ausländer  Gelegenheit  hat,  nicht  bloß  “unter  kundiger  Führung  den  französischen
  Unterrichtsbetrieb  in  unmittelbarer  Anschauung  zu  beobachten’,  sondern  auch  die
Reformbestrebungen  innerhalb  der  französischen  Schule  genauer  kennen  zu
lernen,  auf  welche  hiermit  nur  kurz  hingewiesen  sei.*)  Erwähnt  sei  nur  kurz  die  Methode
Gouin,  auch  "Serienmethode”  genannt,  die  erst  auf  dem  Umweg  über  England  in  Frankreich
  und  Deutschland  allmählich  bekannt  geworden  ist.  Gouin  hatte  schon  in  den  60er
Jahren  seine  Methode  handschriftlich  niedergelegt,  aber  die  Ungunst  der  Verhältnisse  gestattete
  ihm  erst  1880  sein  Buch  zu  veröffentlichen,  und  erst  die  Herausgabe  desselben  in
englischer  Sprache,®)  sowie  die  Kritik  desselben  durch  Stead  machte  diese  Methode  weiter
bekannt,  die  auf  die  chronologische  Folge  der  Handlungen  gegründet  ist  und
dem  Ohre  einen  hohen  Wert  beimißt,  was  Gouin  mit  den  Worten  ausspricht:  “  L’oreslle
est  le  premier  ministre  de  la  langue’.°)

Mit  dem  Hospitieren  in  den  Auslandsschulen  kommen  wir  zugleich  zu  einer  weiteren
Einrichtung  jüngsten  Datums,  die  uns  von  weittragender  Bedeutung  erscheint  und  eine
große  Zukunft  verspricht,  das  ist  die  Anstellung  deutscher  Assistenten  an  franzdsischen
  Schulen.  Seit  dem  Jahre  1908  läßt  man  an  den  Zycdes  und  collöges  in  Frankreich
junge  Ausländer  (Studenten)  als  repetiteurs,  jetzt  assistants  genannt,  für  fremdsprachliche  Konversation
  zu,  die  gegen  freie  Station  täglich  2  Stunden  zu  erteilen  haben.  Prof.  Hartmann
in  Leipzig  hat  schon  zahlreichen  jungen  Leuten,  Mitgliedern  seines  pädagogischen  Semi-1)

  Sonderabdruck  aus  A.  Baumeisters  ‘Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre
  für  höhere  Schulen’.

2)  Vgl.  "Das  Hospitieren  in  französischen  Schulen’  in  den  ‘Neueren  Sprachen’  IX,
S.  120  und  256.  °®,  Vgl.  darüber  Hartmann  in  den  “Neueren  Sprachen’  X,  S.  45.

*,  Vgl.  hierüber  u.  a.  “Die  neusprachliche  Reform  in  Frankreich’  in  den  “Neueren
Sprachen’  X,  S.  507ff.  und  ‘Die  Reform  des  höheren  Unterrichte  in  Frankreich’,  ebenda
X,  S.577ff.  Dazu:  Plan  d’6tudes  et  Programmes  complete  de  l’Enseignement  secondaire,
  6°  &amp;dition,  Paris,  Nony  et  C!*.

6,  Swan  and  B6tis,  The  Art  of  Teaching  and  Studying  Languages,  Philip  and  Son,
London,  Fleet  Street.  °®,  Vgl.  auch:  Höft  ‘Ein  Wort  für  die  Methode
Gouin’  in  den  ‘Neueren  Sprachen’  VII,  542  ff.