Die  Reformbewegung:  Schülerbriefwechsel.  351

Hand  liegen.  Sodann  aber  tragen  die  neuphilologischen  Professoren  den  heutigen  Forderungen
  bezüglich  Abhaltung  von  Vorlesungen  über  neuere  und  neueste  Sprache  und  Literataor,
  Veranstaltung  praktischer  Übungen  in  Seminarien  u.  dgl.  im  allgemeinen  bedeutend
mehr  Rechnung  als  früher;  endlich  aber  hat  man  fast  allgemein  die  in  den  70er  Jahren  vielfach
  eingeschlafene  Einrichtung  der  Lektoren  wieder  ins  Leben  gerufen  und  gebildete
Ausländer  gewonnen,  die  dem  Studenten  zu  seiner  praktischen  Ausbildung  in  der  Fremdsprache
  an  der  Universität  behilflich  sein  sollen.  Die  Urteile  der  Hörer  über  die  Lektoren
lauten  zwar  nicht  immer  günstig,  aber  das  wird  besser  werden,  wenn  man  die  Lektoren
pekuniär  besser  stellt,  als  dies  gemeinhin  jetzt  noch  zu  geschehen  pflegt.  Über  die
Lektoratsfrage  hat  Fr.  Klinksieck-Halle  auf  dem  Breslauer  Neuphilologentage  190%
einen  höchst  beachtenswerten  Vortrag  gehalten,  in  welchem  das  Lektoratswesen  mit  seinen
Licht-  und  Schattenseiten  eingehend  erörtert  ist.)  Jedenfalls  ist  das  Institut  der  Lektoren
heutzutage  an  deutschen  Universitäten  notwendig,  bedarf  aber  nach  verschiedenen  Seiten  hin
einer  durchgreifenden  Verbesserung.

Auch  der  neusprachliche  Universitätsprofessor  sollte  in  jeder  Beziehung  so  gestellt
  sein,  das  er  sorgenfrei  seinem  Berufe  obliegen  kann.  In  dieser  Beziehung  muß  noch
viel  geschehen.  Schon  die  Würde  des  akademischen  Lehrers  verlangt,  daß  er  im
Gehalte  nicht  hinter  dem  ersten  besten  Prokuristen  zurückstehe.  Auch  kann  man  ihm
nicht  zumuten,  daß  er  Jahr  für  Jahr  für  Bücher  und  Auslandsreisen  Hunderte  aus  seiner
eigenen  Tasche  bezahle,  und  doch  hat  gerade  der  Professor  der  neueren  Sprachen  in  dieser
Hinsicht  mehr  Ausgaben  als  jeder  andere.?)

Geschah  somit  vieles,  um  den  neusprachlichen  Lehrer  in  seinem  Berufe  möglichst
allseitig  zu  unterstützen,  so  ließ  sich  die  Reform  auch  die  Förderung  des  Schülers  angelegen
sein.  In  Deutschland  wurde  zunächst  auf  Martin  Hartmanna  Anregung  im  März  1897
unter  den  Auspizien  des  Sächsischen  Neuphilologenverbandes  ein  internationaler  Schülerbriefwechsel
  ins  Leben  gerufen,  nachdem  Prof.  P.  Mieille  nach  einer  mehrjährigen
stillen  Erprobung  schon  in  der  Juninummer  1896  der  ‘Revue  Universitaire’  (Paris,
A.  Colin)  empfohlen  und  Mr.  Stead  in  London  mit  seiner  ‘Review  of  Reviews’  dafür
gewonnen  hatte,  so  daß  der  französisch-englische  Briefwechsel  zuerst  ins  Leben
trat.  Über  die  Licht-  und  Schattenseiten  des  internationalen  Schülerbriefwechsels  ist  viel
gestritten  worden.  Die  von  der  Zentralstelle  (Prof.  Dr.  Hartmann,  Leipzig,  Fechnerstr.  2)
aufgestellten  Grundsätze  sind  nur  zu  billigen,  und  die  von  1901—1903  von  Stead,  Mieille
und  Hartmann  herausgegebenen  Jahrbücher  für  den  internationalen  Schülerbriefwechsel
  (Annuaire  de  la  Correspondance  interscolaire  —  Comrades  all  —  Internationaler
Schülerbriefwechsel,  Editors:  W.  T.  Stead,  Mieille  and  Hartmann,  London,  "Review  of  Reviews’
  Office,  Mombray  House,  Norfolk  Street  W.C.)  geben  hübsche  Proben  dieser  Schülerbriefe.
  In  Nr.  1  dieser  Jahrbücher  (1901)  finden  sich  auch  “die  Regeln  für  die  Handhabung
  des  internationalen  Schülerbriefwechsels’  abgedruckt,  welche  aufgestellt
worden  sind,  um  einem  etwaigen  Mißbrauch  der  Einrichtung  möglichst  vorzubeugen.  Die  zehlreichen
  günstigen  Zeugnisse,  die  von  Lehrern  der  drei  Sprachgebiete  über  den  Nutzen  des
Briefwechsels  vorliegen,  können  durch  ein  paar  Fälle  mit  ungünstigen  Erfahrungen  nicht
erschüttert  werden.?)  In  vereinzelten  Fällen  hat  sich  auch  aus  dem  Schülerbriefwechsel
ein  Lehrerbriefwechsel  entwickelt,  so  daß  also  ‚auch  dadurch  wieder  die  freundschaftlichen
Beziehungen  zwischen  den  Kulturstaaten  nur  gefördert  worden  sind.

Eine  andere  Einrichtung,  die  außer  den  Schülern  auch  den  Lehrern  und  anderen
für  die  neueren  Sprachen  sich  interessierenden  Personen  zugute  kommen  soll,  sind  die

1)  Vgl.  Klinksieck,  ‘Die  Lektoratsfrage.  Veränderte  und  erweiterte  Fassung  eines  auf
dem  Breslauer  Neuphilologentage  gehaltenen  Vortrages’  in  den  “Neueren  Sprachen’  X,  S.  389  ff.

7,  Vgl.  über  diese  Punkte:  Vietor,  “Neuphilologische  Wünsche  für  Universität  und
Schule’  in  den  ‘Neueren  Sprachen’  VII,  8.  129  ff.

9)  Vgl.  über  den  internationalen  Schülerbriefwechsel  u.  a.  “Internationaler  Briefwechsel’,
“Neuere  Sprachen’  VII,  S.  726ff.,  VIII,  S.  139  ff.  und  IX,  S.  818  und  382ff.