352  Bozanzr  und  Srıearer:  Französisch  und  Englisch.

fremdsprachlichen  Rezitationen  in  Deutschland.!)  Gebildete  Franzosen  und  Engländer
  von  Ruf  bezüglich  ihres  rhetorischen  Vortrags  werden  alljährlich  veranlaßt,  durch
Deutschland  eine  Reise  zu  unternehmen,  auf  welcher  sie  nach  Vereinbarung  an  höheren
Schulen  Rezitationen,  außerdem  aber  auch  unter  geeigneten  Verhältnissen  Vorträge
oder  Vorlesungen  über  Literatur  usw.  abhalten.  Martin  Hartmann  gebührt  das  Verdienst,
die  Rezitationen  in  Deutschland  im  Jahre  1899  ins  Leben  gerufen  zu  haben.  Es  wurde
eine  Zentralstelle  für  fremdsprachliche  Rezitationen,  Leipzig,  Fechnerstr.  2  (Verwalter
  Prof.  Dr.  Hartmann)  gegründet,  die  zugleich  die  Grundsätze  feststellte,  nach  denen
die  Rezitationen  erfolgen  sollten.  Der  erste  Rezitator  war  der  bereits  1904  verstorbene
Prof.  Jouffret  aus  Marseille,  der  sehr  warme  Sympathien  für  Deutschland  hegte,  und  dessen
Rezitationen  und  Vorträge  mit  großem  Beifalle  aufgenommen  wurden.?)  Es  wurden  sodann,
de  das  Verlangen  nach  den  Rezitationen  bald  sehr  groß  wurde,  weitere  Krüfte  für  das
Französische  in  den  Herren  Prof.  Charlöty  aus  Lyon,  Prof.  Bornecque  aus  Lille,
Prof.  Villemin  und  Prof.  Ren&amp;  Delbost  aus  Paris  (Institut  St.  Germain,  60,  rue  des
Ecoles)  gewonnen,  während  für  das  Englische  Mr.  Hasluck  of  the  Polytechnic  School
of  Elocution,  London,  für  seine  Rezitstionen  den  wohlverdienten  Beifall  in  Deutschland
gefunden  hat.  Zur  Unterstützung  dieser  Rezitationen  sind  von  der  Zentralstelle  eine  Reihe  französischer
  (F!—F®)  und  englischer  (E!—E®)  Rezitationshefte  veröffentlicht  worden,
welche  durch  den  Verlag,  Dr.  Stolte  in  Leipzig,  zum  Preise  von  25  Pf.  für  das  Heft  (48  Seiten)
zu  beziehen  sind.  Wenn  diese  Hefte  geraume  Zeit  vor  der  Rezitation  zwanglos  mit  den  Schülern
durchgearbeitet  werden,  so  daß  die  Schüler  über  den  Rezitationsstoff  nach  allen  Seiten  hin  genau
unterrichtet  sind,  so  müssen  die  Rezitationen  unbedingt  von  nachhaltigem  Nutzen  sein.  Nicht
nur,  daß  die  Schüler  eine  echt  nationale  Aussprache  zu  hören  bekommen,  daß  sie  merken,
wie  die  Fremdsprache  fließend  gesprochen  klingt,  sie  vermögen  auch  zu  prüfen,  inwieweit
  sie  dieselbe  nun  verstehen.  Der  Lehrer  aber  ist  in  der  Lage,  seine  Auffassung  des
Textes  mit  der  des  Rezitators  zu  vergleichen  und  sich  mit  ihm  auszusprechen.  In  großen  Städten,
wo  sich  ein  zahlreiche  gebildetes  Publikum  vorfindet,  hat  dasselbe  Gelegenheit,  gleichzeitig
literarische  Vorträge  in  der  Fremdsprache  zu  hören,  da  die  französischen  Rezitatoren
oft  Maitres  de  Conferences  an  den  Universsites  sind;  aber  auch  in  kleineren  Städten
mit  höheren  Schulen  stellt  sich  zu  den  Rezitationen  gern  eine  kleine,  gewählte  Zuhörerschaft
von  Herren  und  Damen  ein.  Benachbarte  Schulen  (Realschulen  u.  dgl.)  senden  unter  Führung
ihrer  neusprachlichen  Lehrer  oft  Abteilungen  von  Schülern,  welche  so  weit  gefördert  sind,  daß
sie  den  Rezitationen  zu  folgen  vermögen.  Gelegentlich  hat  man  auch  für  neusprachliche
Versammlungen  Rezitatoren  von  Ruf  zu  gewinnen  gewußt.  So  rezitierte  am  7.  Beptember
1942  auf  dem  5.  Sächsischen  Neuphilologentage  in  Oschatz  M.  Paul  Rameau  vom  Odeon  in
Paris  unter  großem  Beifall.  Über  die  Rezitstionen  werden  von  der  Zentralstelle  regelmäßige
Berichte  (“Mitteilungen  der  deutschen  Zentralstelle  für  fremdsprachliche  Rezitationen’)  versandt.

Ganz  abgesehen  von  dem  direkten  Nutzen  der  Rezitationen,°)  darf  man  den  hohen
Gewinn  nicht  außer  acht  lassen,  den  die  Einrichtungen  der  fremdsprachlichen  Rezitationen
und  des  Schüler-  und  Lehrerbriefwechsels  für  die  Förderung  des  internationalen
Verkehrs  und  die  Pflege  des  Völkerfriedens  überhaupt  mit  sich  bringen.

Daher  sind  auch  jene  Veranstaltungen  von  so  hohem  Werte,  die  als  Ferienkurse  im
Auslande  unter  verschiedenen  Benennungen  abgehalten  werden,  oder  die  sich,  wie  der
Congr£&amp;s  international  des  langues  vivantes‘  zu  Paris  im  Jahre  1900  (24.—23.  Juli),

1)  Vgl.  besonders:  Fr.  Wenk,  k.  k.  Professor  ‘Fremdsprachliche  Schulrezitationen.
Jahresbericht  der  1.  deutschen  Staatsrealschule  Prag  1905.’

2)  Vgl.  Gündel  ‘Die  Rezitationen  Jouffretse’  in  den  “Neueren  Sprachen’  VIII,  8.  y9ff.,
ferner  IX,  S.  446  und  X,  8.  260  und  574.

°®,  Vgl.  u.  a.  Hartmann  ‘Zur  Frage  der  fremdsprachlichen  Rezitationen’  in  den
‘Neueren  Sprachen’  XI,  S.  631  ff.

*%)  Vgl.  E.  v.  Loev  ‘Internationaler  Kongreß  für  fremdsprachlichen  Unterricht  zu  Paris’
in  den  ‘Neueren  Sprachen’  IX,  8.  215ft.