II.  Die  Methode  im  neusprachlichen  Unterricht:  Drei  Richtungen.  355

wird  man  nicht  ebenso  verfahren  wie  in  der  Mädchenschule,  und  derselbe
Lehrer  wird  seine  Methode,  auch  die  ‘neue’,  in  jedem  Jahre  neuen  Verhältnissen
anpassen  müssen,  wenn  anders  sie  von  Erfolg  gekrönt  sein  soll.  Tut  er  es
nicht,  so  wird  seine  Methode  zur  Schablone,  in  welcher  der  lebendige
Unterricht  zum  toten  Mechanismus  erstarrt.  Auch  die  Methode  ist  in
‘beständigem  Flusse.  Je  mehr  der  Lehrer  diese  Wandlungen  beachtet,  um  so
weniger  wird  er  zum  Sklaven  der  Methode  werden.  Dürfen  uns  demnach
auf  der  einen  Seite  die  im  neusprachlichen  Unterrichte  angewendeten  Methoden
nicht  gleichgültig  lassen,  so  werden  wir  auf  der  anderen  Seite  sorgfältig  zu
prüfen  haben,  was  wir  in  jedem  einzelnen  Falle  davon  wirklich  brauchen  können,
und  was  wir  als  unnützen  Ballast  oder  gar  marktschreierische  Reklame  abzuweisen
  haben.  Es  ist  darum  nötig,  im  folgenden  die  heutzutage  in  Frage
kommenden  Methoden  auf  ihren  Wert  und  Unwert  für  den  neusprachlichen
Unterrichtsbetrieb  einer  genaueren  Prüfung  zu  unterziehen.

Drei  methodische  Richtungen  lassen  sich  im  heutigen  neusprachlichen
Unterrichte  unterscheiden:  die  grammatisierende,  die  imitative  und  die
vermittelnde.  Keine  von  ihnen  ist,  wie  aus  der  geschichtlichen  Entwicklung
des  neusprachlichen  Unterrichts  hervorgeht,  neu,  und  derselbe  Prozeß,  der  sich
in  der  Reformbewegung  vollzieht,  hat  sich  bereits  in  den  beiden  vorhergehenden
Jahrhunderten  abgespielt:  die  imitative  Methode  wird  von  der  grammatisierenden
  bekämpft,  und  neben  beiden  bildet  sich  schon  damals  eine  vermittelnde
  Richtung,  wie  sie  Meunier  (1680),  Kramer  (1711)  und  Belin
(1788)  vertreten.!)

Wenn  wir  uns  über  den  Wert  der  drei  genannten  Methoden  und  ihre
praktische  Bedeutung  für  die  Erlernung  der  neueren  Sprache  klar  werden
wollen,  so  müssen  wir  vor  allen  Dingen  den  Zweck  ins  Auge  fassen,  dem  der
neusprachliche  Unterricht  dienen  soll.  Die  einzelnen  Methodiker  haben  das
Lehrziel  von  jeher  sehr  verschieden  festgelegt.  Anders  definiert  Ploetz?),
anders  Münch?),  anders  Glauning°),  anders  Thiergen‘),  anders  Knebel°)  das  Ziel
des  neusprachlichen  Unterrichts.  Uns  scheint  Glauning  den  Zweck  des  neusprachlichen
  Unterrichts  am  besten  zu  kennzeichnen,  wenn  er  (a.a.  0.  VI,  3)
sagt:  ‘Man  lernt  Englisch,  um  Englisch  zu  können.  Dieses  Können  umfaßt  die
doppelte  Fähigkeit,  andere  zu  verstehen  und  sich  anderen  mitzuteilen.  Ziel  und

N  Vgl.  hierüber  die  verdienstvollen  Abhandlungen  von  Lehmann  ‘Der  neusprachliche
Unterricht  im  17.  und  18.  Jahrhundert,  insbesondere  seine  Methode  im  Lichte  der  Reform
der  Neuzeit.  Jahresbericht  der  Annenschule  zu  Dresden  1904’,  und  Dorfeld  ‘Beiträge  zur
Geschichte  des  französischen  Unterrichts  in  Deutschland,  Progr.  des  Großherz.  Gymn.  zu
Gießen  1892’.  ,

2)  Zweck  und  Methode  der  franz.  Unterrichtebücher  von  Dr.  Karl  Ploetz,  4.  Aufl.
Berlin  1879.  8.  1.

®,  Didaktik  und  Methodik  des  franz.  u.  engl.  Unterrichts  von  Dr.  W.  Münch  und
Dr.  Fr.  Glauning,  München  1895.  V,  4  und  VI],  1.

4)  Methodik  des  neusprachlichen  Unterrichts,  Leipzig  1908.  8.  20ff.

5)  Diesterwegs  Wegweiser,  4.  Aufl.  Bd.  UI.  8.488.  Nach  Wendt,  Enzyklopädie  des

franz.  Unterrichte,  Hannover  1895.
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