Il.  Die  Methode:  Grammatisierende  Methode;  imitative  Methode.  357

Schularbeiten  bildet,  zur  Gedankenlosigkeit  verführt  und  in  der  Regel  ein  unbrauchbares
  Übersetzungsdeutsch  erzeugt.  Dem  gesamten  Lektürebetrieb  der
grammatisierenden  Methode  fehlt  es  an  Bewegungsfreiheit;  modernen  Stoffen
spricht  sie  gern  die  Bildungsfähigkeit  ab  und  beschränkt  sich  in  ihrer  Auswahl
  hauptsächlich  auf  die  klassische  Zeit,  die  ihr  wegen  ihrer  klaren,
mustergültigen  Form  und  ihres  sehr  einfachen  Wortschatzes  am  wenigsten
Schwierigkeiten  bereitet.

Im  Zusammenhang  damit  steht  auch  ihr  Betrieb  des  Sprechens,  von
dem  sie  nicht  allzuviel  hält.  Da  der  Gegenstand  der  Lektüre  hauptsächlich
der  Literaturgeschichte  entnommen  ist,  so  beschränkt  sich  die  grammatisierende
  Methode  bezüglich  der  Sprechübungen  besonders  auf  dieses  Gebiet,
während  sie  der  Konversation  über  Gegenstände  des  täglichen  Lebens
abhold  ist  oder  sie  höchstens  in  bescheidenem  Maße  je  nach  dem  zugrunde
gelegten  Lehrbuche  auf  der  Unterstufe  pflegt.  Um  dem  Bedürfnisse  eines
gewissen  Vokabelschatzes  zu  genügen,  bedient  sie  sich  gern  eines  systematischen
  Vokabelbuches,  aus  dem  sie  die  Vokabeln  meist  mechanisch  auswendig
  lernen  läßt.

Reichliches  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache  ist
dieser  Methode  ein  Hauptbedürfnis,  da  sie  meint,  daß  die  logisch-formale
Schulung  hierbei  am  besten  erreicht  werde.  Als  Prüfstein  liebt  sie  daher  auch
das  deutsche  Extemporale  und  als  Hausarbeit  die  deutsche  Übersetzung
schwieriger  Stücke  oft  veralteten  Stiles  in  die  Fremdsprache.  Dagegen  ist
ihr  die  große  Bewegungsfreiheit  in  den  freien  Arbeiten  und  Vorträgen,
die  sie  nicht  in  die  grammatische  Zwangsjacke  zu  stecken  vermag,  nicht  sympathisch,
  so  daß  sie  dieser  Art  schriftlicher  und  mündlicher  Leistungen  nicht
wohlwollend  gegenübersteht.

Mit  der  Aussprache  findet  sich  die  grammatisierende  Methode  ziemlich
rasch  ab;  den  neueren  Bestrebungen  auf  diesem  Gebiete  ist  sie,  wie  allem
Neuen  abhold;  von  Phonetik  und  phonetischen  Erläuterungen  will  sie
nichts  wissen,  ebensowenig  natürlich  von  Transkription  oder  gar  transkribierten
Texten,  von  Rezitationen  usw.  Sie  hält  es  mit  dem  Vor-  und  Nachsprechen
und  übt  die  Laute  zumeist  an  Silben  und  einzelnen  Wörtern.

So  stellt  sich  diese  Methode,  die  man  sehr  oft  auch  als  synthetische
oder  deduktive  bezeichnet  und  deren  Hauptvertreter  in  neuerer  Zeit  Mager
und  Ploetz  sind,  als  eine  zu  eng  begrenzte  für  das  zu  erreichende  Ziel  des
neusprachlichen  Unterrichts  dar.!)

In  vollem  Gegensatze  zur  grammatisierenden  Methode  steht  die  imitative,
oft  auch  als  analytisch-direkte  oder  induktive  Methode  bezeichnet.  Es
ist  dies  die  eigentliche  Reformmethode,  die  uns,  wie  Thiergen  in  seiner  '  Methodik
  des  neuphilologischen  Unterrichts’  sagt,  von  der  “Starrheit  erlöste,  in  die
das  grammatisierende  System  verfallen  war’  (a.a.  0.  S.26).  Freilich  verfällt  sie
gerade  in  das  Gegenteil.  Sie  will  von  Grammatik  so  wenig  wie  möglich  wissen

1)  Vgl.  Clodius,  Was  wir  wollen  —  was  wir  nicht  wollen  (Zeitschrift  f.  franz.  und
engl.  Unterricht  IV  1,  9.  41ff.).