II.  Die  Methode:  Imitative  Methode.  359

Maße  hervor  als  bei  der  grammatisierenden.  Der  idiomatische  Ausdruck
wird  dem  Schüler  bei  der  imitativen  Methode  weit  geläufiger  werden  als  bei
der  grammatisierenden;  denn  bei  jener  begegnet  er  ihm  auf  Schritt  und  Tritt
und  vom  Anfang  an,  bei  dieser  nur  vereinzelt  und  erst  im  späteren  Unterrichte.

Zeigt  somit  die  imitative  Methode  Vorteile,  die  ihr  zu  einer  entschiedenen
Überlegenheit  über  die  grammatisierende  verhelfen  müssen,  und  die  sie  das  von
Glauning  aufgestellte  Ziel  des  neusprachlichen  Unterrichts  wohl  erreichen  lassen,
so  hat  sie  andererseits  derartig  große  Nachteile,  daß  diese  jene  Vorteile  zu
paralysieren  wohl  imstande  sind.

Sie  ist  zunächst  überhaupt  nur  durchführbar,  wenn  der  Unterricht  immer
in  derselben  Hand  bleibt  und  nicht  durch  gesetzliche  Vorschriften  eingedämmt
wird,  da  die  Bewegungsfreiheit  bei  dieser  Methode  die  denkbar  größte  ist  und
sein  muß.  Es  bleibt  hier  dem  Lehrer  ganz  überlassen,  ob  er  überhaupt  seinem
Unterrichte  ein  Lehrbuch  zugrunde  legen  will,  oder  ob  er  die  gewonnenen
‘Prinzipien  und  Gesetze’  hinterher  doch  an  der  Hand  einer  gedruckten  systematischen
  Übersicht  zusammenstellen  lassen  will.  Auf  jeden  Fall  erfordert  diese
Methode  einen  Lehrer,  der  die  doppelte  Tatkraft  des  Grammatisten  besitzen  muß;
sie  stellt  an  den  Lehrer  ganz  besonders  hohe  Ansprüche,  und  der  Durchschnittslehrer
  ist  ihr  nicht  gewachsen;  er  reibt  sich  dabei  auf.  Die  gleichen  Ansprüche
stellt  sie  auch  an  die  Schüler;  für  Mittelgut  ist  sie  nicht  am  Platze;  denn  der
Stoff  häuft  sich  bald  derart,  daß  er  dem  Durchschnittsschüler  über  den  Kopf
wächst.  Dabei  muß  der  Unterricht  derart  intensiv  betrieben  werden,  daß  der
Schüler  bald  vollständig  überbürdet  sein  würde,  wenn  in  allen  anderen  Fächern
in  gleicher  Weise  gearbeitet  werden  müßte.  Ganz  erhebliche  Schwierigkeiten
entstehen  bei  dieser  Methode  auch,  sobald  ein  Schüler  längere  Zeit  fehlt.  Die
entstandenen  Lücken  auszufüllen,  ist  hier  viel  schwieriger  als  bei  der  grammatisierenden
  Methode,  wo  es  sich  immer  um  ganz  bestimmt  abgegrenzte  grammatische
  Kapitel  handelt.  Auch  wächst  die  Schwierigkeit  des  Unterrichts  ungemein,
  wenn  die  Klasse  sehr  stark  ist.  So  ist  diese  Methode  hauptsächlich
für  schwachbesetzte  Klassen  mit  gutbegabten  Schülern  und  für  den
Privatunterricht  geeignet,  wo  man  sich  eingehend  mit  dem  einzelnen  Schüler
beschäftigen  kann.  —  Was  den  Stoff  anlangt,  so  tritt  bei  ihr  der  literarischästhetische
  Gesichtspunkt  hinter  dem  praktischen  zurück.  Sie  will  von
einem  literaturgeschichtlichen  Betriebe,  von  der  Lektüre  der  klassischen
  Dichter  und  Schriftsteller  meist  nicht  viel  wissen  und  betont  dafür
das  Every  day  life  in  Wort  und  Schrift.  Sie  zeigt  in  diesem  Punkte  eine  ziemlich
  große  Einseitigkeit  und  will  nicht  einsehen,  daß  auf  der  höheren  Schule
dem  neusprachlichen  Unterricht  noch  eine  vornehmere  Aufgabe  gestellt  ist,  als
lediglich  die  '  Phrases  de  tous  les  jours’  zu  pflegen  und  die  Tagesschriftsteller
kennen  zu  lernen.  Sie  unterschätzt  den  ethischen  Wert  der  fremdsprachlichen
  Klassiker  und  Dichter  für  die  Erziehung  unserer  deut
schen  Jugend  zugunsten  einer  oft  seichten  praktischen  Spracherlernung.

Bei  der  Unzulänglichkeit  der  grammatisierenden  Methode  auf  der  einen,
bei  den  übertriebenen  Forderungen  der  imitativen  Methode  auf  der  anderen