U.  Die  Methode:  Vermittelnde  Methode.  361

Methode  huldigen,  ziehen  zur  Beförderung  einer  guten  Aussprache  den  Gesang
in  ihren  Dienst,  wie  dies  die  imitative  Methode  mit  Vorliebe  tut;  aber  für  unbedingt
  nötig  erachtet  die  vermittelnde  Methode  den  Gesang  allerdings  nicht.
Möglichste  Bewegungsfreiheit,  wie  sie  Münch  fordert,')  ist  auch  hier  das  beste.
Wie  die  imitative,  so  stellt  auch  die  vermittelnde  Methode  die  Lektüre
in  den  Mittelpunkt  des  Unterrichts;  nur  berücksichtigt  sie  dabei  von  vornherein
  mehr  die  zutagetretenden  grammatischen  Erscheinungen,  während  die
rein  imitative  Methode  im  Anfangsunterricht  von  Grammatik  überhaupt  nichts
wissen  will  und  denselben  zum  reinen  Anschauungsunterricht  ausgestaltet,  der
sich  in  den  sogenannten  propädeutischen  oder  Vorkursen  der  Realschulen
am  deutlichsten  widerspiegelt,  der  aber  infolge  seines  tändelnden  Charakters  sehr
leicht  die  Freude  am  späteren  ernsten  Unterrichte  zu  verderben  geeignet  ist.
Für  die  vermittelnde  Methode  bildet  nach  wie  vor  die  Grammatik  das
Rückgrat  des  gesamten  Sprachunterrichtse.  Sie  legt  daher  Gewicht  darauf,
daß  dieselbe  in  systematischer  und  methodischer  Weise  allmählich  klar
zur  Darstellung  gelang.  Vom  Leichteren  zum  Schwereren  ist  der  Grundsatz
  der  vermittelnden  Methode,  und  dies  gilt  sowohl  für  die  Aneignung  der
grammatischen  Regeln  als  auch  für  die  Gewinnung  eines  gewissen  Vokabelschatzes
  aus  den  Musterstücken.  Diese  letzteren  behandeln  daher  immer
ein  bestimmtes  grammatisches  Kapitel  und  einen  bestimmten  Gedankenkreis
und  erweitern  so  in  scharf  umrissener  Weise  das  grammatische  Wissen  sowohl
wie  den  Wortschatz,  indem  sie,  von  der  nächsten  Umgebung  des  Schülers  ausgehend,
  ihn  allmählich  immer  weiter  führen,  bis  er  auf  der  Oberstufe  auch
mit  der  Geschichte,  der  Geographie,  der  Literatur,  den  Sitten  und
Gebräuchen  des  fremden  Landes  vertraut  geworden  ist.  Wenn  dabei  die
Grammatik  immer  herangezogen  wird,  so  geschieht  dies  vornehmlich  in  der
Absicht,  den  Schüler  logisch  zu  schulen,  weil  er  richtig  sprechen  wird,  wenn  er
logisch  denkt;  doch  geht  die  vermittelnde  Methode  bei  der  Schriftstellerlektüre
nur.  dann  auf  die  Grammatik  ein,  wenn  oder  soweit  dies  zur  Klarstellung  des
Sinnes  nötig  ist.  Das  zeigt  sich  deutlich  an  dem  geringeren  Umfang  der  grammatischen
  Lehrbücher  selbst,  wo  namentlich  die  Syntax  mit  Recht  stark  beschnitten
  worden  ist,  deren  Feinheiten  sich  unbewußt  bei  der  Lektüre  selbst,
wenn  diese  nur  in  ausreichendem  Maße  betrieben  wird,  dem  Gedächtnis  einprägen
  werden.  Für  die  Einübung  der  Hauptregeln  der  Grammatik  fordert
allerdings  die  vermittelnde  Methode  nach  der  Durchnahme  des  Musterstückes
den  fremden  und  deutschen  Einzelsatz  und  verschmäht  zur  weiteren  Kontrolle
  die  Übersetzung  aus  dem  Deutschen  in  die  Fremdsprache  so  wenig
wie  das  deutsche  Extemporale,  wobei  gleich  betont  sein  möge,  daß  sie  im
übrigen  einen  ebenso  hohen  Wert  auf  das  Diktat,  die  Retroversion,  die  freie
Nacherzählung  und  zuletzt  die  freie  Arbeit  legt,  und  damit  sich  wiederum
ganz  im  Einverständnis  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen  weiß.
Ist  man  im  allgemeinen  darüber  einig,  daß  die  Übersetzungen  auf  der
Oberstufe  wenigstens  nicht  auf  die  Einübung  ganz  besonderer  Einzelheiten

)  Vgl.  "Der  Betrieb  der  neueren  Sprachen  seit  1890?  in  den  ‘Neueren  Sprachen’  IX,  8.  66  ff.