II.  Die  Methode:  Vermittelnde  Methode.  363

nahmsweise,  weil  sie  nur  in  der  genauen  Übersetzung  die  Kontrolle  für  das
richtige  Verständnis  des  Gelesenen  erblicken  kann.

Den  Forderungen  der  Neuzeit  trägt  die  vermittelnde  Methode  Rechnung,
indem  sie  durch  möglichst  reichliche  Lektüre  die  Schüler  in  den  Geist  und
das  Wesen  der  Fremdsprache  einzuführen  sucht,  denn  mit  Recht  wird  betont,
daB  man  sich  in  ein  fremdes  Idiom  außer  durch  den  Auslandsaufenthalt  am
besten  durch  unausgesetztes  Lesen  einlebe.

Die  vermittelnde  Methode  unterscheidet  wohl  zwischen  statarischer  und
kursorischer  Lektüre.  Es  gibt  Stoffe,  die  durchaus  nur  statarisch  behandelt
  werden  dürfen,  wenn  sie  für  die  Schule  von  Nutzen  sein  sollen;  sie  verlangen
  eben  die  größtmögliche  Vertiefung.  Hier  läßt  auch  die  vermittelnde
Methode  bei  der  Erklärung  selbst  den  Gebrauch  der  deutschen  Sprache
zu;  meistens  aber  ist  die  kursorische  Behandlung  des  Lektürestoffes  am
Platze,  denn  der  jugendliche  Geist  will  vorwärts,  der  Schüler  freut  sich,  wenn
er  ein  tüchtiges  Stück  vorwärts  gekommen,  wenn  er  sieht,  wie  ‘es  weitergeht’.
An  geeigneter  guter  moderner  Lektüre  ist  kein  Mangel;  wir  haben  eher  einen
embarras  de  richesse,  und  die  vermittelnde  Methode  ist  in  dieser  Beziehung  im
Gegensatz  zur  grammatisierenden  durchaus  nicht  prüde.  Sie  pflegt  die  Lektüre
der  guten  modernen  Schriftsteller  ebensosehr,  als  sie  anderseits  das  Studium
  der  klassischen  nicht  vernachlässigt,  und  ebendadurch  führt  sie  den
Schüler  allseitig  und  nicht  einseitig  in  die  fremdsprachliche  Literatur  ein.

Denn  den  Betrieb  der  Literatur  (in  bescheidenem  Umfange  Literaturgeschichte)
  mag  sie  auf  keinen  Fall  missen:  den  Oberprimaner  eines  Realgymnasiums
  auf  die  Universität  zu  entlassen,  ohne  daß  er  einen  Überblick  über
die  Literaturgeschichte  der  beiden  wichtigsten  Kulturvölker  erlangt  hätte,  hieße
den  Bildungswert  der  neueren  Sprachen  vollständig  verkennen  und  sie  auf  eine
ihrer  unwürdige,  niedrige  Stufe  herabdrücken.  Was  dem  humanistischen
Gymnasium  die  griechische  und  römische  Literatur,  das  ıst  dem  Realgymnasium
  die  französische  und  englische.

Den  einseitig  banausischen  Betrieb  der  neueren  Sprachen  nach  der  rein
prektisch  nüchternen  Seite  des  Lebens  hin,  wie  ihn  die  imitative  Methode  will,
kann  sich  die  vermittelnde  Methode  freilich  nicht  zu  eigen  machen.  Er  ent
spricht  auch  nicht  den  in  den  Lehrplänen  gegebenen  Weisungen,  aus  denen  klar
hervorgeht,  daß  die  Regierung  selbst  dem  Betriebe  der  neueren  Sprachen  ein
vornehmeres  Ziel  steckt,  als  dies  die  rein  imitative  Methode  tut.

So  geht  aus  den  vorstehenden  Darlegungen  hervor,  daß  von  den  drei  für  die
höheren  Lehranstalten  in  Betracht  kommenden  Methoden  die  vermittelnde  in
jeder  Beziehung  den  Vorzug  vor  den  beiden  anderen  verdient,  denn  1.  erstrebt
sie  nur  Erreichbares;  2.  steht  sie  in  vollem  Einklang  mit  den  gesetzlichen
  Bestimmungen;  3.  trägt  sie  den  Bedürfnissen  des  praktischen
Lebens  Rechnung  und  4.  vergißt  sie  nicht,  die  höheren  Aufgaben  des
neusprachlichen  Unterrichts  immer  gebührend  zu  berücksichtigen.  Da
nun  keine  andere  Methode  den  allseitigen  Bedürfnissen  so  Rechnung  zu  tragen  imstande
  ist  wie  die  vermittelnde  Methode,  so  dürfte  sie  die  Methode  der  Zukunft  sein.