Der  erdkundliche  Unterricht.  395

DER  ERDKUNDLICHE  UNTERRICHT.

Von  Dr.  Feuıx  Lampe.

Das  Forschungsfeld  der  Erdkunde  ist  die  Erdoberfläche  mit  allem,  was  sie
trägt  an  Natur  wie  Kultur,  in  seinen  Wechselbeziehungen,  seiner  Zusammengehörigkeit.
  Bei  solchem  Reichtum  mannigfaltigen  Wissensstoffes  ist  Auswahl
und  Behandlung  geographischer  Tatsachen  dem  Ermessen  der  einzelnen  Gelehrten
in  höherem  Maß  anheimgestellt  als  in  anderen  Wissenschaften.  Auch  bei  der
Jugendunterweisung  hängt  aller  Erfolg  von  persönlichen  Gaben,  persönlicher
Liebe  zur  Sache  ab.  Von  selbst  also  ergibt  sich,  daß  der  Unterricht  in  einer
Wissenschaft,  die  an  sich  nach  Umgrenzung  und  Inhalt  deutungsfähig  ist,  iu
besonders  hohem  Maße  von  der  Lehrpersönlichkeit  bestimmt  wird,  und  daß  für
kein  Schulfach  so  weit  auseinandergehende  Vorschläge  betreffs  des  Lehrstoffs
und  der  Lehrweise  gemacht  sind  wie  für  die  Erdkunde.  Die  Vertreter  der
bloß  zeichnenden,  allein  beschreibenden,  lediglich  den  Atlas,  nur  die  Wandkarte,
vornehmlich  das  Lehrbuch  benutzenden  Richtung,  die  Verfechter  der  ganz  naturwissenschaftlichen,
  der  vorwiegend  wirtschaft-  und  kulturkundlichen,  der  geschichtlich-politischen
  Erdkunde  sind  keineswegs  immer  duldsam  gegen  Andersgesonnene
  gewesen.  Kurz,  die  Ausgestaltung  des  erdkundlichen  Unterrichts
nach  Organisation  und  Methodik  ist  ein  heiß  umstrittenes,  noch  immer  wenig
geklärtes  Gebiet  der  Unterrichtslehre.e  Da  die  Erdkunde:  als  Nebenfach  angesehen
  wird,  das  noch  dazu  seine  breiteste  Entwicklung  in  den  Unterklassen
findet,  sind  oft  in  ihr  Lehrer  aushilfs-  und  zeitweise  beschäftigt,  die  der  geographischen
  Wissenschaft  ganz  fernstehen,  auch  wohl  nur  seminaristische  Bildung
  besitzen.  Deshalb  gesellt  sich  zur  erstaunlichen  Fiille  methodischer  Vorschläge
  und  Anweisungen  widerspruchsvoll  die  Tatsache,  daß  oft  der  Unterricht
selbst  ohne  bewußte  Klarheit  von  Schwierigkeiten  und  von  Ratschlägen  zu  ihrer
Überwindung  erteilt  wird.  Persönliche  Lehrerfahrung  ist  zwar  nie  durch  theoretische
  Einsicht  ins  Wesen  eines  Unterrichtsfaches  ersetzbar.  Doch  sind  erprobte
  Erfahrungen  von  Fachleuten  auch  nicht  zu  mißachten;  sonst  werden  die
Schüler  Probiersteine  eines  Lehrvirtuosen,  der  die  Ergebnisse  der  Methodik  nicht
kennt.  Gerade  der  Erdkundeunterricht  aber  bedarf  solcher  Lehrer,  die  zugleich
praktisch  erfahren  und  theoretisch  wohl  durchgebildet  sind;  denn  kein  Schulfach
  pflegt  wegen  der  erwähnten  Unistände  die  Schüler  ungleichmäßiger  vorbereitet,
  so  verschieden  vorgeschult  zu  finden,  wie  der  Erdkundeunterricht.  Er