396  Laurz:  Der  erdkundliche  Unterricht.

ist  schon  aus  diesem  Grunde  keineswegs  leicht  oder  gar  bequem,  wenigstens
nicht  für  Lehrer,  die  es  mit  ihrer  Pflicht  streng  nehmen.

Es  ist  nicht  Aufgabe  der  folgenden  Betrachtungen,  zu  vorhandenen  Auslegungen
  über  Grenzen  und  Eigenart  der  erdkundlichen  Wissenschaft  eine  neue
zu  fügen  oder  die  zahlreichen  Anweisungen  für  den  Geographieunterricht  um
eine  neue  Lehre  zu  bereichern,  sondern  es  gilt  aus  der  Geschichte  der  geographischen
  Wissenschaft  ihren  gegenwärtigen  Stand  und  die  von  ihrer  Entwicklung
  und  von  der  des  Schulwesens  abhängige  Organisation  des  erdkundlichen
Unterrichts  zum  Verständnis  zu  bringen  und  einen  Einblick  in  die  wichtigsten
Fragen  zu  geben,  welche  dieser  Unterricht  hinsichtlich  der  Auswahl,  Anordnung
und  Behandlung  des  Lehrstoffes,  hinsichtlich  der  Lehrmittel  und  der  Lehrpersönlichkeit
  an  den  Lehrer  stellt.

A.  GESCHICHTE  UND  ORGANISATION  DES  UNTERRICHTS.)

Die  Erdkunde  ist  zugleich  eine  der  ältesten  und  jüngsten  Wissenschaften.
Abenteuerlust  und  Wissensdurst,  frommer  Bekehrungseifer  und  Gier  nach  Schätzen
in  der  Ferne  oder  der  Drang,  den  Umkreis  eigener  Macht  zu  erweitern,  trieb
den  König  und  Kaufmann,  den  Geistlichen  und  Gelehrten,  den  unstet  der  Heimat
Überdrüssigen  von  jeher  zur  Mitwirkung  an  der  Entschleierung  des  Erdbildes,
und  neben  der  räumlichen  Ausdehnung  erdkundlicher  Kenntnisse  ging  schon  im
Altertume,  bald  Schritt  haltend,  bald  voreilend  oder  nachhinkend,  eine  Vertiefung
ins  Wesen  und  in  die  Gestalt  der  Erde,  ihrer  Oberfläche  und  der  auf  ihr  wirksamen
  Kräfte  Eine  in  sich  geschlossene  Wissenschaft  mit  reicher  Entfaltung
von  allerlei  seitlichen  Forschungszweigen  ist  die  Geographie  aber  erst  seit
Alexander  v.  Humboldt  und  Karl  Ritter  im  19.  Jahrhundert  geworden.

Was  die  Bewohner  Mesopotamiens  und  Ägyptens  an  Maßen  und  Zahlen
ersonnen,  an  Gestirnkenntnis  erworben,  was  die  Phönizier  auf  weiten  Fahrten
erkundet  hatten,  ging  zu  beträchtlichen  Teilen  in  den  Wissensschatz  der  Griechen
über,  die  in  jahrhundertelanger  Geistesarbeit  zur  rechten  Anschauung  der  sich  um
die  Sonne  und  .um  sich  selbst  drehenden  Erdkugel  vordrangen,  ein  Gradnetz
berechneten,  mit  seiner  Hilfe  Karten  entwarfen  und  zu  guter  Erkenntnis  der
Länder  ums  Mittelmeer  und  bis  nach  Indien  gelangten.  Wieviel  von  solchem
Wissen  dem  Jugendunterrichte  zugute  kam,  bleibt  gleichgültig;  denn  mit  der
griechisch-römischen  Welt  ging  im  frühen  Mittelalter  für  das  Bewußtsein  der
breiten  Massen  wie  der  Gebildeten  die  geographische  Kenntnis  des  Altertums

)  Peschel,  Gesch.  der  Erdkd.  bis  auf  A.  v.  Humboldt  u.  K.  Ritter  (München  1866,
2.  Aufl.  bes.  von  A.  Ruge  1877).  F.v  Richthofen,  Triebkräfte  u.  Richtungen  d.  Erdkd.
ım  19.  Jahrhd.  (Ges.  f.  Erdk.  Berlin  1908,  S.  665).  S.  Günther,  Gesch.  d.  Erdkd.  (Leipzig
u.  Wien  1904).  —  Kropatschek,  Zur  geschichtl.  Entwicklg.  des  geogr.  Unterr.  (Verhdlg.
des  1.  Deutsch.  Geographentages  1881,  S.  120).  Gruber,  Die  Entwicklggder  geogr.  Lehrmethode
  im  18.  und  19.  Jahrhd.  (München  1901).  Gruber,  Geographie  als  Bildungsfach
(Leipzig  1904).  Franz,  Die  Erdkd.  im  Gymnasialunterr.  mit  d.  1.  Normallehrplan  (Wiss.
Beil.  z.  Jahresber.  des  kath.  Gymn.  zu  Sagan  i900).  Stefl,  Beiträge  zur  Gesch.  des  geogr.
Unterr.  an  humanist.  (iymnas.  des  Kgr.  Bayern  (Wiss.  Beil.  zum  Jahresber.  d.  Gymnas.  in
Regensburg  1902).