Entwicklung  der  Erdkunde  und  des  erdkundlichen  Unterrichts.  397

verloren.  Eine  Vermehrung  des  erdkundlichen  Wissens  erfolgte  —  sieht  man  von
den  Leistungen  der  Araber  ab  —,  als  gleichzeitig  die  Schriften  der  alten  Geographen,
  voran  des  Ptolemäus,  wieder  auflebten  und  die  großen  überseeischen
Entdeckungen  der  Spanier  und  Portugiesen  vor  sich  gingen.  Damals  erblühte
auch  das  humanistische  Schulwesen,  so  daß  die  Errungenschaften  alter  und
neuer  erdkundlicher  Forschungen  der  Jugend  vorgelegt  werden  konnten.  Doch
wurde  zunächst  nur  an  wenigen  Universitäten  Geographie  gelehrt,  und  in  die
Schulen  drang  sie  zaghaft  erst  seit  der  2.  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.  Nahmen
die  Gebildeten  zwar  gern  Anteil  an  länderkundlichen  Schilderungen,  so  daß
neben  der  Bibel  Seb.  Münsters  Kosmographie  oder  ein  ähnliches  Buch  fast  in
jedem  deutschen  Hause  zu  finden  war,  die  Lehrweise  der  Humanisten  entsprach
  doch  nicht  den  Anforderungen  eines  guten  erdkundlichen  Unterrichts.
Die  Anlehnungen  an  die  Schriften  der  Alten  gab  dem  geographischen  Wissen
etwas  Unvollständiges,  Zufälliges,  weil  die  Neuentdeckungen  gar  nicht  oder  nur
anhangsweise  zu  dem  behandelt  wurden,  wovon  Griechen  und  Römer  sprachen,
und  die  Verschmelzung  von  Sach-  und  Sprachunterricht  ließ  die  zersplitterte
Aufmerksamkeit  der  Schüler  nicht  ins  Wesen  der  Erdkunde  dringen;  denn  es
verkümmerte  die  Grundlage  geographischer  Erkenntnis,  sinnliche  Anschauung.
Trotzdem  fehlt  es  noch  jetzt  nicht  an  Stimmen,  die  beispielsweise  für  Realschulen
  den  erdkundlichen  Unterricht  über  England  und  seine  Kolonien  in  englischer,
  über  Frankreichs  Länder  in  französischer  Sprache  erteilt  zu  sehen
wünschen,  und  an  anderen,  die  für  Gymnasien  nur  die  Abschnitte  der  Erdkunde  zu
genauerer  Durchnahme  empfehlen,  die  mit  dem  Geiste  des  klassischen  Altertums
in  Einklang  stehen,  also  die  Mittelmeerländer  und  die  Geographie  des  Menschen.

Es  kennzeichnet  die  Größe  des  Amos  Comenius,  bei  dem  jedes  Lernen
aus  sinnlicher  Anschauung  erblühen  sollte,  daß  er  für  den  Geographieunterricht
den  noch  jetzt  gültigen  Satz  aufstellt,  die  Erdkunde  erwachse  aus  der  Heimatkunde,
  indem  die  Belehrung,  vom  Hause  zur  ferneren  Umgebung  fortschreitend,
die  geographischen  Grundbegriffe  an  den  Tatsachen  selbst  verdeutliche.  Zu  allgemeiner
  Klarheit  über  Ziele  und  Arten  des  erdkundlichen  Unterrichts  kam
man  aber  schon  deshalb  nicht,  weil  es  noch  immer  vom  persönlichen  Ermessen
der  Professoren,  Rektoren,  Lehrer  an  Hoch-,  Mittel-  und  niederen  Schulen  abhing,
  ob  überhaupt  selbständige  Unterrichtsstunden  für  Geographie  angesetzt
waren.  Meist  bildete  die  Erdkunde  als  Raumwissenschaft  wie  schon  im  Mittelalter
  einen  Anhang  zur  Geometrie,  und  vom  ersten  Auftreten  staatlich  festgesetzter
  Lehrpläne  bis  in  die  Gegenwart  wird  mit  Recht  die  mathematische
Geographie  wenigstens  in  den  ÖOberklassen  den  Mathematikern  zugewiesen.
Immer  häufiger  gesellte  man  die  Erdkunde  auch  den  Geschichtsunterweisungen
bei,  als  Zusammenstellung  von  Örtlichkeiten,  an  denen  wichtige  Ereignisse  sich
zugetragen.  Schon  Plinius  hatte  Jie  locorum  nuda  nomina  verabscheut;  doch  um
die  Wende  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  bestand  der  erdkundliche  Schulunterricht
  fast  ganz  aus  Aufzählungen  trockener  Tatsachen.  Am  reinsten  spiegelt
diese  Art  des  rein  gedächtnismäßigen  Lernens  das  jahrzehntelang  vielbenutzte
Schulbuch  von  Hübner  wieder:  ‘Kurze  Fragen  und  Antworten  aus  der  alten  und