398  Lawrx:  Der  erdkundliche  Unterricht.

neuen  Geographie’.  Leider  wird  noch  jetzt  auf  niederen  und  höheren  Stufen
der  Schule  allen  Fortschritten  erdkundlicher  Wissenschaft  und  Unterrichtskunst
zum  Trotz  manchem  Schüler  die  Geographie  durch  diese  gedächtnismäßige  Behandlung
  eines  meist  gar  nicht  geographischen  Lehrstoffs  verleidet.

Das  18.  Jahrhundert,  hoch  bedentsam  für  die  Entwicklung  des  modernen
Schulwesens,  hat  auch  für  die  Erdkunde  als  Schulfach  viel  Gutes  gewirkt.  Man
begann  mancherorten  die  Realien  zu  betonen  und  gab  dann  dem  Geographieunterrichte
  Selbständigkeit.  Noch  gegenwärtig  wird  er  an  Realschulen  und
Realgymnasien  eifriger  gepflegt  als  an  Gymnasien.  Andere  betonten,  man  müsse
ihn  vor  allem  von  der  Geschichte  trennen,  eine  noch  jetzt  von  den  Geographen
stets  wiederholte  Forderung  angesichts  der  Tatsache,  daß  mindestens  in  Oberklassen
  der  Erdkundeunterricht  mit  dem  geschichtlichen  verschmolzen  ist,  daß
vielfach  in  Zeugnissen  der  Schüler  Geschichte  und  Geographie  eine  gemeinsame
Beurteilung  erfahren.  Ferner  suchte  man  Zusammenhänge  zwischen  Volk  und
Boden  aufzufinden,  um  den  Lehrstoff  zu  vergeistigen,  Bestrebungen,  die  an
Herders  Schriften  ebenso  Halt  fanden  wie  später  an  denen  Ritters,  zuletzt  an  denen
Ratzels.  Gegen  Schluß  des  18.  Jahrhunderts  werden  ‘Geographie  und  Geschichte’
—  so  die  Reihenfolge!  —  als  zusammengehörende  Fächer  mit  selbständigen
Unterrichtsweisen  fast  überall  in  höheren  Schulen  gelehrt,  nicht  durchweg  mit
gleicher  Stundenzahl;  doch  war  die  Erdkunde,  als  das  Abiturientenexamen  eingeführt
  wurde,  von  vornherein  Prüfungsfach,  was  sie  gegenwärtig  nicht  mehr
ist.  Während  es  am  Einde  des  19.  Jahrhunderts  mit  dem  geographischen  Schulunterrichte
  dürftig  aussah,  obwohl  an  den  Universitäten  die  erdkundliche  Wissenschaft
  blühte,  war  umgekehrt  die  Wertschätzung  der  Geographie  an  den  Schulen
gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  nicht  von  entsprechend  nachhaltigen  Folgen
begleitet,  weil  die  Wissenschaft  der  Erdkunde  im  Grunde  noch  nicht  entscheidend
  über  die  Errungenschaften  früherer  Zeiten  hinausgewachsen  war.

Durch  die  Fülle  zu  beachtender  Tatsachen  kann  die  erdkundliche  Wissenschaft
  zwei  Richtungen  einschlagen.  Entweder  faßt  sie  die  Gesamtheit  aller  auf
größerem  oder  kleinerem  Raum  vereinten  Erscheinungen  zur  ‘Länderkunde’  zusammen
  oder  verfolgt  über  den  ganzen  Erdball  hin  die  Eigenart  bestimmter
Vorkommnisse,  seien  es  Tatsachen  der  Bodenbildung,  der  Witterung,  der  Abhängigkeiten
  lebender  Wesen  von  ihrer  Heimat  oder  anderes;  so  entsteht  die
‘Allgemeine  Geographie’.  Beide  Richtungen  pflegte  schon  das  Altertum;  beide
sollten  noch  jetzt  in  unseren  Schulen  zu  Worte  kommen.  Doch  wird  hier  immer
die  Länderkunde  im  Vordergrunde  stehen.  Herodot  und  Strabo  schufen  die
Anfänge  dieser  Länderkunde,  indem  sie  über  die  Ursachen  dessen  nachdachten,
was  sie  von  der  Fremde  erfuhren.  Je  größer  im  Lauf  der  Jahrhunderte  die
Tatsachenfülle  wurde,  um  so  weniger  wußte  man  aus  der  erdrückenden  Stoffmenge
  übersehbare  Einheiten  zu  gestalten.  Man  kam  zu  bloßen  Aufzählungen,
und  als  einfachste  Gruppierung  boten  sich  die  Staatengebilde  dar.  Dadurch
wurde  die  Schilderung  der  Naturgegebenheiten  von  der  geschichtlichen  Betrachtungsweise
  überwuchert,  die  nun  auch  im  Schulunterrichte  des  17.  und
18.  Jahrhunderts  vorherrschte  und  in  Schulbüchern  noch  des  19.  Jahrhunderts