Entwicklung  der  Erdkunde  und  des  erdkundlichen  Unterrichte.  399

sich  breit  bemerkbar  macht.  Die  Allgemeine  Erdkunde  mußte  im  argen  liegen,
solange  nicht  auf  den  verschiedenen  Gebieten  der  Naturerkenntnis  von  der  Physik
und  Chemie  an  bis  in  die  beschreibenden  Naturwissenschaften  hinein  sichrere
Ergebnisse  vorlagen.  Aristoteles,  die  Gelehrten  des  Mittelalters,  noch  Geographen
  des  18.  Jahrhunderts  halfen  sich  mit  Spekulationen  fort,  wenn  die  Naturbeobachtung
  oder  das  Laboratoriumsexperiment  nicht  ausreichte,  und  der  vereinzelte
  Versuch  einer  Geographia  generalis  des  geistvollen  Niedersachsen  Varenius
  im  17.  Jahrhundert  blieb  unverstanden.  Aber  auch  in  der  kartierenden
Darstellung  erdkundlicher  Kenntnisse,  nach  der  die  Griechen  der  Wissenschaft
den  Namen  Geographie  zuerteilt  hatten,  war  man  über  das  Altertum  bis  zum
Schluß  des  18.  Jahrhunderts  wohl  im  Umfang  und  in  der  Genauigkeit  der
Kartenzeichnungen  hinausgelangt,  nicht  aber  in  der  Fähigkeit,  das  Gelände
plastisch  zu  veranschaulichen,  nicht  im  Verständnis  für  die  Formen  der  Erdoberfläche.
  Entscheidende  Fortschritte  waren  der  Erdkunde  erst  durch  das
Wirken  Alexanders  v.  Humboldt  beschieden.  Er  vertiefte  die  Länderkunde
durch  glänzende  Schilderungen  weiter  eigener  Reisen  und  schuf  neu  die  Allgemeine
Geographie,  indem  er  beobachtete  Erscheinungen  analysierte  und  ihre  Bestandteile
  auf  synthetischem  Wege  durch  Vergleichung  zu  Kategorien  zusammenfaßBte.e
  Die  Formen  der  Erdoberfläche,  die  Zustände  im  Luftmeer,  die  Verbreitung
  der  Pflanzen,  die  menschlichen  Kulturen,  selbst  die  Geschichte  der
Erdkunde  stellten  plötzlich  dem  forschenden  Geiste  ganz  neue  Aufgaben,  und
bei  ihrer  Lösung  boten  die  inzwischen  erblühten  oder  sich\noch  entwickelnden
Naturwissenschaften  reiche  Hilfsmittel.  Doch  fehlte  diesem  weiten  Forschungskreise
  die  Geschlossenheit  zu  einheitlicher  Wissenschaft,  als  Humboldt,  ohne
Schüler  zu  hinterlassen,  starb.  Die  aus  dem  gemeinsamen  Stamm  seiner  Beobachtungen
  und  Gedanken  erwachsenen  Zweige  der  Forschung  strebten  weit
auseinander,  und  dem  erdkundlichen  Schulunterricht  fiel  keine  der  reifen  Früchte
zu.  Um  so  tiefer  wirkte  auf  ihn  Karl  Ritter,  neben  Humboldt  der  Begründer
der  jungen  Wissenschaft  der  Erdkunde  Er  trieb  Allgemeine  Geographie  im
Sinne  einer  auf  alle  Länder  gleich  sorgsam  sich  erstreckenden  Forschung  und
Vergleichende  Geographie,  um  objektive  Gesichtspunkte  zur  Beurteilung  der  einzelnen
  Erscheinungen  zu  gewinnen.  Den  gewaltigen  Wissensstrom,  der  ihm
durch  bewunderungswürdige  Verwertung  weit  zerstreuter  Quellen  zufloß,  leitete
er  ins  Bett  der  Anthropogeographie:  Die  Erde  ist  das  Erziehungshaus  der
Völker.  Wie  die  Naturerkenntnis  durch  Humboldt  wurde  die  Geschichtswissenschaft
  durch  Ritter  machtvoll  angeregt,  doch  nicht  nur  wie  bei  jenem  durch
Schriften  sondern  auch  durch  zahlreiche  Schüler,  von  denen  viele  sich  der
Jugenderziehung  widmeten.  Dem  erdkundlichen  Unterrichte  freilich  war  die
Übertragung  Ritterscher  Gedanken  auf  die  Schule  keineswegs  immer  förderlich.
Er  wurde  immer  wieder  mit  geschichtlichen  Bestandteilen  durchtränkt,  widmete
sich  besonders  eingehend  der  Stastenkunde  und  litt  nach  wie  vor  unter  der
Anhäufung  statistischen  Wissensstoffes  und  zahlloser  Ortsnamen.  Nicht  nur  in
Süddeutschland  klagte  ein  Gymnasialprofessor  aus  Hof  über  die  Masse  des  Gedächtnisstoffes
  und  den  Mangel  an  Einsicht  beim  erdkundlichen  Unterricht  (1825);