400  Laure:  Der  erdkundliche  Unterricht.

in  Preußen  schritt  die  Oberstudienkommission  tadelnd  gegen  die  Gedächtnisüberlastung
  der  Schüler  in  Geographiestunden  ein.  Die  schöne  Blüte  geschichtlicher
  Forschungen  im  zweiten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  unterstützte  noch  das
Bestreben,  erdkundliche  Kenntnisse  den  Schülern  als  eine  Vorstufe  zum  Geschichtsunterrichte
  beizubringen.  Als  ein  neuer  Lehrplan  (1837)  die  3  Stunden
Geschichte  und  Geographie  in  den  Oberklassen  preußischer  Gymnasien  auf  zwei
einschränkte,  wies  man  die  Erdkunde  aus  dem  Oberbau  der  höheren  Schulen
auf  die  Mittel-  und  Unterstufe,  und  als  die  3.  Stunde  wiedereingeführt  wurde
(1856),  schlug  man  sie  der  Geschichte  zu.  Noch  bis  heute  ist  Erdkunde  in  die
Gymnasial-  und  Realgymnasialoberklassen  nicht  wieder  eingedrungen.

Neben  Fortschritten  der  Wissenschaft  bestimmen  Bewegungen  auf  dem
Gebiete  der  Erziehungslehre  an  sich  die  Organisation  des  Fachunterrichts.  Die
großen  Pädagogen  des  19.  Jahrhunderts  befruchteten  die  Schulgeographie  durch
trefflliche  Gedanken.  Herbart  lehrte,  die  Erdkunde  zeige  “assoziierenden  Charakter’
  und  dürfe  einen  Mittelpunkt  der  verschieden  gearteten  Unterrichtsfächer
bilden,  von  dem  nach  verschiedenen  Seiten  die  gesonderten  geschichtlichen  und
naturwissenschaftlichen,  technischen  und  staatswissenschaftlichen  Lehren  ausstrablen
  könnten.  Diesterweg,  der  das  Kind  zur  Selbsttätigkeit  heranreifen
lassen  wollte,  regte  zu  Schülerwanderungen  an.  Doch  fehlte  es  auch  nicht  an
seltsamen  Vorschlägen,  um  das  anscheinend  unzertrennbar  mit  dem  Geographieunterrichte
  verbundene  Lernen  von  Namen  und  Zahlen  zu  erleichtern.  Karten-,
Lotto-,  Reisespiele  wurden  empfohlen.  Ein  in  mancher  Hinsicht  trefflicher
Pädagog  wie  Campe  dachte  sogar  daran,  dergleichen  in  die  Schule  zu  verpflanzen,
obwohl  die  gedächtnismäßige  Seite  durch  solche  Maßnahmen  erst  recht  betont,
der  Lernstoff  um  des  Spieles  willen  meist  noch  durch  eine  Menge  von  Nebensachen
  vermehrt  wird  und  die  sinnliche  Anschauung  verkümmert.  Wie  wenig
der  Erdkundeunterricht  im  allgemeinen  taugte,  beweist  der  Umstand,  daß  die
leitenden  Geographen  der  2.  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  F.  v.  Richthofen  und
Fr.  Ratzel,  Autodidakten  sind.  Gab  es  doch  auch  an  den  wenigsten  Universitäten
  Professuren  für  Erdkunde  Seit  dem  Bestehen  von  Behörden  für  die
wissenschaftliche  Prüfung  der  Oberlehrer  in  Preußen  befanden  sich  Pädagogen
und  Philologen,  Mathematiker,  Physiker  und  Historiker  unter  den  Mitgliedern,
später  auch  Vertreter  der  Religion,  der  neueren  Sprachen  und  der  Naturwissenschaften.
  Erdkunde  aber  wurde  bis  in  die  70er  Jahre  vom  Professor  der  Geschichte
  geprüft,  natürlich  als  Sammlung  geschichtlich  bemerkenswerter  Örtlichkeiten.
  Den  angehenden  Lehrern  fehlte  also  der  Ansporn  zu  vertieftem  Geographiestudium.
  In  den  50er  und  60er  Jahren  war  trotz  Humboldt  und  Ritter
der  Erdkundeunterricht  auf  einem  sehr  tiefen  Stande,  obschon  es  nicht  an  einzelnen
  tüchtigen  Lehrern  fehlte,  die  in  ihrem  örtlich  beschränkten  Wirkungskreise
  den  Schülern  ansehnliche  Kenntnisse  in  der  Geographie  vermittelten.
Doch  nur  an  einzelnen  Realanstalten  gab  es  Erdkunde  noch  in  Prima.  An
Gymnasien  war  sie  stellenweis  selbst  aus  den  Mittelklassen  verschwunden,  sogar
in  der  Quarta  auf  eine  Wochenstunde  zusammengeschmolzen.  Seltsamerweise
hatte  sie  sich  als  Prüfungsfach  beim  Abiturientenexamen  erhalten.  Kurze