Entwicklung  der  Erdkunde  und  des  erdkundlichen  Unterrichts.  401

Wiederholungen  in  den  Geschichtsstunden  mußten  den  Primanern  den  nötigsten
Wissensstoff  auffrischen,  den  Schülern  eine  Qual  und  kein  Heil  fürs  Lehrfach,  das
immer  weiter  mit  der  Geschichte  verkuppelt  auf  ödem  Einpauken  beruhte,  und
außerdem  kein  Erfolg  für  die  Bildung.  Gar  zu  seltsam  stach  die  Vernachlässigung
  des  erdkundlichen  Schulunterrichts,  die  bei  den  schlechten  Ergebnissen
der  Abiturientenprüfungen  in  diesem  Fache  zutage  trat,  von  der  lebhaften  Teilnahme
  ab,  die  alle  Welt  den  großen  Erfolgen  kühner  Reisender  entgegenbrachte,
als  Zug  um  Zug  das  Innere  der  noch  unbekannten  Festländer  durchforscht,
das  Geheimnis  der  Polargebiete  enthüllt  wurde.  Die  gewaltigen  Fortschritte,
welche  der  räumlichen  Ausdehnung  erdkundlicher  Kenntnisse  im  19.  Jahrhundert
  beschieden  waren,  mußten  schließlich  auf  den  Geographieunterricht
fördernd  einwirken.

Oskar  Peschel  war  der  führende  Geograph  im  3.  Viertel  des  Jahrhunderte.
Ein  umfassender  Geist,  vereinte  er  die  naturwissenschaftliche  und  geschichtlichvölkerkundliche
  Richtung  der  Erdkunde.  Weit  unmittelbarer  als  Ritter  oder
gar  Humboldt  nahm  er  Stellung  zu  den  Mißständen  der  Schulgeographie  Er
betonte,  guter  Erdkundeunterricht  müsse  auf  dem  sorglich  zu  entwickelnden
Verständnis  der  Karte  beruhen;  doch  sei  rein  äußerliche  Ortskunde  zu  verwerfen.
  Er  verlangte  bei  der  Klassendurchnahme  sinnfällige,  fesselnde  Beschreibungen
  der  Länder  und  Völker.  Lehrer  müßten,  um  diesen  Forderungen  zu
entsprechen,  wohlvorgebildet  sein.  Um  die  geographischen  Kenntnisse  der
Schüler  zu  bessern,  wählte  man  in  der  Tat  den  zweckmäßigen  Weg,  zuerst  die
erdkundliche  Bildung  der  Lehrer  zu  heben.  Im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts
  wurden  nach  und  nach  an  allen  preußischen  und  deutschen  Universitäten
  geographische  Professuren  begründet,  und  ihre  Vertreter  wurden  in  die
meisten  Prüfungskommissionen  für  Oberlehrer  berufen.  Wie  die  Fortschritte
erdkundlicher  Kenntnisse  infolge  der  Entdeckungsreisen  einerseits,  die  Bedürfnisse
  der  Schulen  andererseits  zur  Errichtung  geographischer  Lehrstühle  geführt
  hatten,  so  entstammten  die  zunächst  berufenen  Professoren  entweder  den
Reihen  der  wissenschaftlich  gebildeten  Reisenden  oder  denen  der  erdkundlich
interessierten  ÜOberlehrer.  Jene  erfüllten  die  geographische  Wissenschaft  mit
reicherem  Inhalte,  gaben  ihr  festere  Einheit  und  Umgrenzung,  diese  förderten
von  der  Universität  aus  die  Schulgeographie.  Unter  jenen  steht  an  erster
Stelle  Ferdinand  v.  Richthofen,  daneben  Friedrich  Ratzel;  unter  diesen
sind  neben  anderen  verdienstvollen  Männern  vornehmlich  Alfred  Kirchhoff
und  Hermann  Wagner  zu  nennen.  Die  rasche  und  kraftvolle  Entwicklung
der  erdkundlichen  Wissenschaft,  die  der  Begründung  der  neuen  Professuren
folgte,  besaß  keinen  Zusammenhang  mit  der  Ritterschen  Schule.  Sie  lehnte  sich
an  die  Naturwissenschaften  an.  F.  v.  Richthofen  war  Geolog,  hatte  aber  auf
weiten  Wanderungen  in  Siebenbürgen,  Indien,  Kalifornien  und  Ostasien  nicht
nur  die  Gesteinskunde  an  sich  durch  erstaunlich  eindringende  Beobachtungen
gefördert,  sondern  sich  in  den  Zusammenhang  aller  Erscheinungen  vertieft,  die
das  Wesen  der  Landschaft,  die  Wechselbeziehungen  zwischen  Boden  und  Klima,  zwischen
  der  Natur  und  dem  Menschen  bestimmen.  Das  alles  bildet  für  ihn  den  Inlıalt

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  26