402  Laurz:  Der  erdkundliche  Unterricht.

der  Geographie,  ob  man  sie  als  Länderkunde  oder  als  allgemeine  vergleichende
Erdkunde  betreibt,  ein  vielseitiger  Stoff,  eine  einheitliche  Wissenschaft;  denn
einheitlich  ist  die  Betrachtungsweise,  nämlich  die  ursächliche  Verknüpfung  der
auf  der  Erdoberfläche  örtlich  vereinten  Tatsachen.  So  schließt  sich  v.  Richthofen
  an  A.  v.  Humboldt  an,  faßt  aber  die  Mannigfaltigkeit  der  Einzelforschungen
des  großen  Vorgüngers  bewußt  in  ein  geschlossenes  System.  Auch  Ratzel  ging
von  den  Naturwissenschaften  aus.  Hatte  Ritters  Wirken  die  Geographie  geschichtlich
  gemacht,  so  schaut  Ratzels  Neuschöpfung  der  Anthropogeographie
die  Geschichte  geographisch  an.  Was  Lage  und  Grenze,  Meer  und  Land,  Fluß,
Gebirge  und  Ebene  für  Volk  und  Staat  bedeutet,  wies  er  nach  an  einer  Fülle
von  Beispielen  aus  der  Geschichte  und  dem  Leben  der  Natur-  und  Kulturvölker.
Zwar  haftet  auch  seinen  Gedankengängen  noch  Spekulation  und  Subjektivität  an;
aber  gerade  Lehrern  brachten  seine  Schriften  reiche  Anregung  dafür,  wie  politische
  und  physikalische  Geographie  sich  durchdringen  sollen.  —  Wichtig  für
die  Schulgeographie  war,  daß  die  Ausbildung  der  Lehrer  während  der  Studienjahre
  durch  weiteren  persönlichen  Zusammenhang  zwischen  Hochschulprofessoren
und  Lehrern  ergänzt  wurde,  vor  allem  auf  den  deutschen  Geographentagen.
Bei  diesen  alle  2  Jahre  stattfindenden  Vereinigungen  aller  an  der  Entwicklung
der  Erdkunde  teilnehmenden  Gebildeten  ist  Schulgeographie  stets  Beratungsgegenstand,
  und  seit  1901  sorgt  eine  vom  Geographentag  eingesetzte  “ständige
Kommission  für  erdkundlichen  Schulunterricht’  für  alle  Bestrebungen  auf  dem
Gebiete  der  Schulgeographie.?)

Was  dem  Erdkundeunterricht  im  18.  Jahrhundert  gefehlt,  eine  blühende
geographische  Wissenschaft,  was  er  in  den  ersten  7  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderte
  entbehrt,  eine  hinreichende  Zahl  wohlausgebildeter  Lehrer,  beides  besitzt
  er  zu  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  in  reichem  Maße.  Eines  gebricht  ihm
noch:  die  rechte  behördliche  Organisation  und  die  Lehrpläne,  welche  die  vorhandenen
  tüchtigen  Lehrer  instand  setzen,  die  Ergebnisse  der  erdkundlichen
Wissenschaft  für  die  Schule  fruchtbar  zu  machen.  Solange  unter  den  Beamten
in  den  Schulbehörden,  den  Mitgliedern  der  Volksvertretungen,  allgemein  in  den
Kreisen  der  Gebildeten  erst  wenige  sich  finden,  die  in  ihrer  Jugend  selber
guten  Unterricht  in  der  Erdkunde  genossen  haben,  werden  Wünsche  nach  Umformungen
  des  Schulwesens,  die  der  Geographie  eine  würdigere  Stellung  in  der
Jugendbildung  versprechen,  kaum  Aussicht  auf  Berücksichtigung  haben,  am
wenigsten  gegenwärtig;  denn  nachdem  die  Schulen  in  Preußen  und  einer  Reihe

ı)  Verhandig.  d.  deutschen  Geographentage,  Berlin,  D.  Reimer  seit  1881.  Besonders
Bd.  XII  1897  u.  XIII  1901  sind  f.  d.  Organisation  des  Erdkundeunterr.  wichtig.  Vgl.  ferner:
H.  Wagner,  Die  Lage  des  geogr.  Unterr.  an  d.  höh.  Schul.  Preußens.  Hannover  u.  Leipzig
1900.  H.  Fischer,  Zur  Methodik  d.  erdkdl.  Schulunterrichts  (Zeitschr.  d.  Ges.  f.  Erdk.
Berlin  1902,  8.  112).  Die  in  Frage  kommenden  Abschnitte  aus  Baumeister,  Handbuch  d.
Unterrichte-  u.  Erziehungslehre.  München  1896.  Lehrpläne,  Lehr-  u.  Prüfungsordnungen
der  einzelnen  deutschen  Bundesstsaten.  Für  Preußen  außerdem:  Verhandlg.  d.  Direktorenversammlgn.
  in  d.  Provinzen  des  Kgr.  Preußen.  Berlin,  Weidmann.  Eine  Zusammenfassg.
d.  Beschlüsse  bis  1900  gibt  Killmann,  Die  Direktorenvers.  d.  Kgr.  Preußen.  Berlin,  Weidmann
  1900.  Vgl.  auch  Haack  im  GA.  III,  2ff.