Lehrordnungen  für  den  erdkundlichen  Unterricht.  405

den  anderen  Bundesstaaten  liegen  die  Verhältnisse  hinsichtlich  der  Stundenverteilung,
  wie  das  die  tabellarische  Übersicht  lehrt.  Bedeutsam  treten  zwei
Übelstände  hervor.  Fast  überall  ist  die  Erdkunde  in  den  Oberklassen  ausgeschlossen,
  und  doch  sind  erst  hier  die  mathematischen,  physikalischen,  cheniischen,
  auch  die  geschichtlichen  Kenntnisse  der  Schüler  groß  genug,  um  ihnen
ein  hinreichend  vertieftes  Verständnis  für  das  Erdbild  im  ganzen,  für  die  Einzellandschaft
  und  die  an  ihr  gestaltenden  Kräfte,  für  die  Siedelungskunde  zu
ermöglichen.  Ferner  ist  auf  der  Mittelstufe  vieler  Schulen  die  Erdkunde  mit  einer
Wochenstunde  viel  zu  dürftig  angesetzt,  wenn  der  Unterricht  mehr  als  bloßen
Gedächtnisstoff  übermitteln  soll.  Beide  Mängel  sind  eben  Hinterlassenschaft
einer  Zeit,  wo  Schulgeographie  aus  Ortsnamen  und  Zahlen  von  Volksmengen,
Flußlängen  und  Berghöhen  bestand,  wo  man  erdkundlichen  Unterricht  für  besonders
  geeignet  bei  jugendlichen  Schülern  hielt,  deren  Gedächtnis  leicht  aufnahmefähig
  sei,  bei  denen  es  auf  verstandesmäßige  Durchdringung  des  Lernstoffes
  angeblich  weniger  ankommen  sollte  Natürlich  wird  solch  äußerlich  in
frühen  Jabren  eingeprügter  Lehrstoff  später  rasch  vergessen,  wenn  es  an
Wiederholung  und  Vertiefung  in  ihn  fehlt.  Die  Mühe  ist  umsonst  gewesen.
Deshalb  würden  jetzt  einsichtige  Lehrer  der  Erdkunde  lieber  den  Unterricht  in
den  Unterklassen  einschränken  lassen,  als  auf  den  in  der  Oberstufe  verzichten.
Wird  doch  auch  der  geschichtliche  Unterricht  in  dieser  Weise  geordnet.  Gegenwärtig
  leidet  wegen  dieser  Verhältnisse  die  Sehulgeographie  unter  der  bitteren
Wahl,  eine  Geographie  zu  sein,  doch  nicht  für  Schüler,  weil  sie  über  die
Fassungskraft  hinauszugehen  droht,  die  für  den  Klassenstandpunkt  vorauszusetzen
ist,  oder  Lernstoff  für  Schüler,  doch  keine  Geographie  Daß  in  den  meisten
Bundesstaaten  auf  der  Oberstufe  eine  erdkundliche  Wiederholung  im  Rahmen
des  Geschichtsunterrichts  angeordnet  ist,  vermag  diesen  Übelstand  nicht  zu  beseitigen;
  denn  diese  Verquickung  eines  in  den  Grundzügen  naturwissenschaftlichen
  Gegenstandes  mit  der  Geschichte  hat,  wie  die  Zustände  im  erdkundlichen
Unterrichte  während  des  18.  Jahrhunderts  zeigen,  nie  gut  getan,  weder  der  Geographie
  noch  der  Geschichte.  Der  Verteilung  der  erdkundlichen  Unterrichtsstunden
  auf  die  verschiedenen  Klassen  liegt  eine  Verkennung  des  innersten
Wesens  der  Geographie  und  ihres  Bildungswertes  zugrunde.

In  jedem  lebensvollen  Unterrichte  werden  Lehrerfolge  weniger  durch  den
behördlich  festgesetzten  Rahmen  der  Schulordnung  und  der  Lehrpläne  als  durch
Lehrgeschick  und  Persönlichkeit  des  Erziehers  bestimmt.  So  auch  im  erdkundlichen,
  dem  bei  rechter  Erteilung  die  Wärme  des  deutschen,  die  Begeisterungskraft
  des  geschichtlichen  Unterrichts  innewohnt.  Deshalb  hängt  unendlich  viel
davon  ab,  wem  erdkundliche  Stunden  übertragen  werden.  Da  auf  den  deutschen
Universitäten  das  geographische  Studium  —  von  einzelnen  Ausnahmen  abgesehen
  —  jetzt  in  hoher  Blüte  steht,  ist  zunächst  anzunehmen,  daß  von  den  dort
ausgebildeten  Männern  eine  stattliche  Schar  als  wissenschaftlich  vortrefflich  geschulte
  Lehrer  sich  der  Ausbildung  der  Jugend  in  der  Erdkunde  annehmen
werden.  Trotzdem  sind  auch  in  dieser  Hinsicht  Mängel  zu  beklagen.  Als  die
Universitäten  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  geographische  Lehrstühle