408  Lawpe:  Der  erdkundliche  Unterricht.

lingen  so  schmackhaft  machen,  daß  ihre  Seelen  erst  reif  werden  für  die  bewußte
  Sehnsucht  nach  echtem  geographischen  Wissen.  Noch  in  Mittelklassen
läßt  sich  eine  wissenschaftlich  unanfechtbare  Länderkunde  nicht  lehren,  geschweige
  Allgemeine  Erdkunde.  Zusätze  werden  nötig,  die  ihr  fremd  sind,  und
viele  Fortlassungen,  deren  sie  nicht  entbehren  dürfte.  Allzu  wissenschaftlicher
Unterricht  ist  ebenso  vom  Übel  wie  die  Unterweisung  durch  den  Laien  in  der
erdkundlichen  Wissenschaft.  Gemeinsam  ist  der  geographischen  Forschung  und
dem  erdkundlichen  Unterrichte  das  Ziel:  Verständnis  für  die  Erdoberfläche,  für
die  Kräfte,  welche  an  ihr  gestalten,  die  Wirkungen,  welche  von  ihr  aus  die
belebte  Welt  beeinflussen.  Dies  Wissen  von  der  Erde  soll  rein  an  sich,  ohne
ideale  oder  reale  Nebenzwecke  erzielt  werden,  was  auch  die  einen  davon  gesprochen
  haben,  daß  die  Kenntnis  der  Natur  durch  Einsicht  in  ihre  Zweckmäßigkeit
  religiöse  Empfindungen  stärken  und  durch  Vertiefung  in  ihre  Schönheit
  sittigende  Wirkungen  wie  ästhetische  Erziehung  vermitteln  solle,  was  auch
die  anderen  darauf  hinweisen,  daß  Einblick  in  die  Schätze  des  Heimatlandes
und  in  die  Fähigkeiten  des  Volkes,  in  die  Vorzüge  und  Nachteile  fremder
Länder  dem  künftigen  Kaufmann,  Gewerbetreibenden,  Staatsbeamten  unumgänglich
  nötig  sind.  Wahr  aber  bleibt,  daß  die  Enthüllung  dieser  Erkenntnis  der
Erdoberfläche  auf  das  Wesen  und  die  Gedankenwelt  der  Zöglinge  einen  Einfluß
  ausübt,  den  der  erziehende  Lehrer  bewußt  zu  regeln  hat,  während  dem
forschenden  Geographen  alle  Nebenwirkungen  fremd  bleiben,  die  von  der  reinen
Förderung  der  Wissenschaft  ausgehen.  Erdkundliches  Wissen  bedarf  der  Klarheit
  sinnlicher  Anschauung;  deshalb  entwickle  der  Lehrer  mit  liebevoller  Sorgfalt
  jegliche  Beobachtungsgabe  der  Schüler,  schule  besonders  ihren  Raumsinn.
Vertiefung  in  die  Bedeutsamkeit  erdgestaltender  Vorgänge,  in  die  Besonderheit
fremder  Länder  und  Völker  setzt  ein  bewegliches  Vorstellungsvermögen  voraus;
darum  hat  der  Lehrer  die  rechte  Stärkung  der  Einbildungskraft  in  Obhut  zu
nehmen,  daß  sie  weder  zu  ausschweifend  wird  noch  allzu  schwerfällig  sich  von
der  Eigenbeobachtung  nicht  ausreichend  zu  entfernen  vermag.  Der  Nachweis
wechselseitiger  Abhängigkeiten  unter  den  Einzelerscheinungen  von  Form  und
Art  des  Bodens,  von  Witterung,  Tier-  und  Pflanzenleben,  von  Siedelung,  Wirtschaft
  und  Gesittung  beansprucht  die  Fähigkeit  abstrakten  Denkens;  deswegen
hat  der  Lehrer  auf  klare  Fragen  und  logische  Antworten  bei  sich  selbst  und
bei  den  Schülern  streng  zu  achten,  damit  das  Verhältnis  von  Ursache  und  Wirkung,
  Grund  und  Folge  allenthalben  deutlich  zu  Bewußtsein  gebracht  wird.
Die  unvoreingenommen  sachliche  Vertiefung  in  die  unendliche  Verschiedenheit
der  Lebensweisen  und  Anschauungswelten  der  Völker  erzeugt  jene  Vornehmheit
ruhig  klaren  Urteils  über  Tun  und  Lassen  der  Menschen,  der  gleich  fremd  ist
der  Dünkel  einer  auf  die  eigene  geistliche  und  geistige,  staatliche  und  wirtschaftliche
  Kultur  stolzen  Halbbildung  wie  die  nur  scheinbar  weitsichtige,  rückgratlose
  Anschauung,  als  gebe  es  in  der  sittlichen  Welt  keine  absoluten  Wertunterschiede,
  weil  die  Sittlichkeitsbegriffe  relativ  sind.  Guter  Erdkundeunterricht,
  der  Verständnis  für  die  Berechtigung  fremder  Gedankenwelten  eröffnet,
der  zugleich  nachweist,  wie  abhängig  der  Mensch  von  den  Naturgewalten  ist