Lehrziel  des  erdkundlichen  Unterrichts.  409

und  wie  er  sie  doch  benutzt  und  bändigt,  übt  zweifellos  sittliche  Wirkungen
auf  den  Schüler,  wie  er  andererseits  an  Stelle  unklarer  Naturschwärmerei  bewußte
  Freude  für  Form  und  Farbe  der  Landschaft,  eines  Stadtbildes,  kurz  klare
Schönheitsempfindungen  zu  setzen  vermag.  Er  ist  "Gesinnungsunterricht’.  Da
die  Geschichte  in  der  Schule  sich  auf  die  Betrachtung  der  Mittelmeervölker  und
der  mittel-  und  westeuropäischen  Staaten  beschränkt,  da  es  wirtschafts-,  verkehrs-,
  bürgerkundlichen  Unterricht  nicht  gibt,  muß  die  Geographiestunde  über
manches  aus  dem  Umkreise  dieser  Wissenschaften  und  der  Geschichte  anderer
Völker  Aufklärung  bieten,  durch  Vergleich  verschiedener  Wirtschaftsarten,
fremder  Staatsformen  mit  heimischen  eine  Reihe  von  staats-  und  volkswissenschaftlichen
  Grundbegriffen  entwickeln.  Das  gleiche  gilt  von  geologischen  Kenntnissen,
  deren  Pflege  auf  der  Schule  außer  im  Erdkundeunterricht  nur  noch  im
mineralogisch-chemischen  eine  kümmerliche  Stätte  hat.  Infolge  dieser  Umstände
ist  immer  wieder  die  Ansicht  aufgetaucht,  der  erdkundliche  Unterricht  mit
seiner  Mittelstellung  zwischen  geschichtlichen  und  naturwissenschaftlichen  Gegenständen,
  mit  der  Mannigfaltigkeit  der  von  ihm  angeregten  geistigen  Betätigungen
von  rein  ästhetischer  Freude  an  der  Landschaft  her  über  ethische  Wirkungen
bei  der  Betrachtung  fremder  Kulturen  hinweg  bis  zu  den  abstrakten  Gedankenreihen
  über  mathematische  Geographie,  mit  der  Vielseitigkeit  der  Beteiligung
des  Schülers,  der  bald  Karten  zeichnet,  bald  Kausalverhältnissen  nachdenkt,  hier
sinnlich  anschaut,  dort  Schilderungen  lauscht,  dieser  nach  Inhalt  und  Form
überreiche  Unterricht  sei  die  geeignetste  Stätte  für  eine  Konzentration  aller
Unterrichtsgebiete,  vermittele  “Gegenwartskunde’  im  allgemeinsten  Sinne,  zumal
ihm  bei  der  Erklärung  der  zahlreichen  Namen  auch  breite  sprachwissenschaftliche
  Bestandteile  nicht  mangeln.  Doch  nur  ungern  wird  ein  gewissenhafter
Lehrer  der  Erdkunde  allzuweit  ausschauenden  Zielen  nachstreben,  gleichmäßig
wegen  der  Rücksicht  auf  seine  Schüler  wie  aus  Achtung  vor  seiner  Wissenschaft.
  Schon  Heinrich  Kiepert  hat  davor  gewarnt,  die  Geographie  zum  breiten
Boden  zu  machen,  auf  dem  aller  archäologische,  geschichtliche,  kunsthistorische,
literarische  Schutt  abgeladen  werde,  für  den  sich  sonst  kein  passender  Platz
finde.  Und  Kinderköpfe  verlangen  klare  Systematik,  um  sich  im  Vielerlei  der
Unterrichtsfächer  zurechtzufinden,  nicht  Zusammenwerfen  aller  Einzelheiten
zu  einer  Konzentrationsmasse.  Bei  der  wechselseitigen  Durchdringung  aller
möglichen  Wissensgebiete  im  Rahmen  der  Geographiestunden  werden  schließlich
  Geistreicheleien  des  Lehrers  förmlich  herausgefordert;  aber  Schüler  sind  zu
schade  dafür,  und  der  Erdkundeunterricht  ist  in  seiner  Zeit  zu  knapp  bemessen.
So  bleibt  als  Ziel  dieses  Unterrichts  nur  die  Vertrautheit  der  Schüler  mit
den  Zuständen  auf  der  Erdoberfläche,  ganz  im  Sinne  der  geographischen
Wissenschaft,  aber  unter  bewußter,  liebevoller  Pflege  der  geistigen  Kräfte,
(auch  mit  Rücksicht  auf  ihren  Wert  außerhalb  der  geographischen  Wissenschaft!)
  und  unter  vorsichtiger,  schrittweiser  Entwicklung  der  Grundbegriffe,
  deren  der  Schüler  zum  Verständnis  dieser  Wissenschaft
bedarf,  auch  wenn  diese  Begriffe  nicht  dem  Forschungsfeld  der  Erdkunde
entstammen,