410  Lawre:  Der  erdkundliche  Unterricht.

2.  Auswahl  des  Lehrstoffes.  Mit  gleicher  Sorgfalt  erforscht  die  wissenschaftliche
  Erdkunde  die  Daseinsbedingungen  aller  Erdgebiete,  der  bewohnten
und  der  öden,  der  Bergwelten  und  der  Meere.  Ungeheuer  ist  die  Fülle  des
Stoffes,  den  sie  bearbeitet.  Er  bedarf  im  Unterrichte  starker  Einschränkungen
hinsichtlich  der  äußeren  Ausbreitung  der  den  Schülern  mitzuteilenden  Kenntnisse
  über  die  einzelnen  Erdräume  wie  hinsichtlich  der  innerlichen  Durchdringung.
  Der  erdkundliche  Schulunterricht  soll  nicht  auf  das  Fachstudium
vorbereiten,  sondern  die  Allgemeinbildung  der  Jugend  zu  heben  helfen.  Die
Auswahl  des  Lehrstoffes  wird  also  nach  Rücksichten  auf  die  Bedürfnisse  des
Schülers  einzutreten  haben.  Man  wird  nicht  alle  Erdräume  gleichmäßig  besprechen,
  sondern  ihn  seine  Heimat  genauer  kennen  lehren  als  entlegene  Landstriche,
  Meere,  Polargebiete,  wird  sein  weiteres  Vaterland  eingehend  behandeln
und  die  Länder,  welche  in  regen  Beziehungen  zu  diesem  stehen,  sei  es  durch
Handelsverbindungen,  kulturelle  Verwandtschaften,  politische  Berührungen  oder
Nachbarschaft  irgendwelcher  Art.  Man  darf  nicht  jeden  von  der  Wissenschaft
gebotenen  Gesichtspunkt  hervorkehren,  sondern  ist  an  die  Vorkenntnisse  des
Schülers  gebunden  und  berücksichtigt,  welcher  Wissensschatz  der  Allgemeinbildung
  nottut  und  was  entbehrlich  ist.  Die  Lehrpläne,  die  an  den  einzelnen
Schulen  geltenden  Vereinbarungen  der  Amtsgenossen,  die  eingeführten  Lehrbücher
  geben  im  allgemeinen  einen  festen  Rahmen  für  die  Auswahl  des  Lehrstoffe.
  Sieht  man  aber  von  dieser  Richtschnur  ab,  die  dem  Lehrer  der  Erdkunde
  für  seinen  Unterricht  gegeben  wird,  so  würden  betrefis  der  Auswahl  des
Lehrstoffes  drei  verschiedene  Gesichtspunkte  maßgebend  sein  müssen.  Einmal
stellen  die  einzelnen  Schularten  besondere  Ansprüche  und  bieten  mit  ihrer  verschiedenen
  Stundenzahl  der  mehr  oder  minder  ausführlichen  Besprechung  verschiedene
  Möglichkeiten  dar.  Zweitens  wird  die  Einschränkung  des  Lehrstoffes  in
den  einzelnen  Klassen  verschieden  groß,  verschieden  geartet  sein  müssen.  Schließlich
  gilt  es,  das  Verhältnis  einzelner  Bestandteile  des  Lehrstoffes  zu  anderen  Unterrichtsfächern
  zu  prüfen,  um  zu  beurteilen,  was  etwa  der  geschichtlichen,  naturbeschreibenden,
  physikalischen,  chemischen  Lehrstunde  überlassen  bleiben  mag,
was  andererseits  der  Erdkundeunterricht  mit  erledigen  muß,  weil  es  sonst  auf
der  Schule  nicht  gelehrt  wird,  etwa  geologische,  ethnographische,  verkehrsund
  wirtschaftskundliche  oder  andere  Einzelheiten.  Bei  der  großen  Mannigfaltigkeit
  der  Schularten  und  der  an  einzelnen  Schulen  herrschenden  Zustände,  bei
der  wünschenswerten  Bewegungsfreiheit  für  den  Lehrer  können  betreffs  dieser
drei  Gesichtspunkte  für  die  Stoffauswahl  nur  allgemeine  Andeutungen,  nicht
feste  Regeln  gegeben  werden.

Man  hat  behauptet,  der  geographische  Lehrstoff  der  Gymnasien  unterscheide
sich  von  dem  der  verschiedenen  Realschulgattungen.  Hier  müsse  der  erdkundliche
  Unterricht  auf  die  Naturverhältnisse,  dort  in  Anlehnung  an  die  humenistische
  Bildung  mehr  auf  die  Staatenkunde  eingehen.  Dort  sei  die  Landeskunde
  des  Mittelmeergebietes  in  Rücksicht  auf  die  alten  Sprachen,  hier  die
Westeuropas  in  Rücksicht  auf  die  neueren  besonders  eingehend  zu  behandeln,
und  da  viele  Realschüler  den  Kaufmannsberuf  wählen,  habe  die  Erdkunde  an