Lehrstoff  des  erdkundlichen  Unterrichts.  411

Realschulen  genauer  als  an  Gymnasien  Verkehrsbedingungen  und  Wirtschaftsleben
  der  Länder  zu  besprechen.  Wird  denn,  möchte  man  dagegen  fragen,  auch
Zoologie  und  Botanik,  Physik  und  Chemie  alt-  und  neusprachlich  betrieben  je
nach  Gymnasium  und  Realgymnasium?  Ist  nicht  gerade,  weil  an  humanistischen
Schulen  schon  in  der  altsprachlichen  Lektüre  viel  von  den  Mittelmeerländern
die  Rede  ist,  doppelt  notwendig,  im  erdkundlichen  Unterricht  ausführlich  auf
andere  Länder  einzugehen,  sofern  der  endgültige  Bildungsschatz  nicht  gar  zu
einseitig  sein  soll?  Muß  nicht  der  deutsche  Schüler  vor  allem  seine  Heimat
und  sein  Vaterland  genau  kennen  lernen,  zumal  alles  erdkundliche  Wissen  auf
gesicherter  eigener  Anschauung  beruhen  muß,  die  nur  an  Landschaft  und  Volkstum
  der  Heimat  sich  zu  bewußter  Erkenntnis  erheben  läßt?  Die  preußischen
Lehrpläne  bemerken  deshalb  mit  Recht,  Lehrziel  und  Lehraufgabe  sei  auf  entsprechenden
  Stufen  aller  Schularten  gleich,  nur  lasse  sich  an  Realanstalten,  wo
mehr  Unterrichtsstunden  zur  Verfügung  stünden,  eine  entsprechende  Vertiefung
und  Erweiterung  des  Lehrstoffes  ermöglichen.  Wer  in  Forschungsgegenständen
und  Forschungsweisen  der  erdkundlichen  Wissenschaft  statt  (wie  in  früheren
Zeiten!)  eines  Vielerlei  von  Tatsachen  und  Gesichtspunkten  eine  festgeschlossene
Einheit  erkennt,  der  kann  nicht  verschiedene  Sorten  von  Geographie  den  verschiedenen
  Schularten  empfehlen  wollen.  Und  doch  liegt  auch  in  jener  ersten
Behauptung  ein  gut  Teil  Wahrheit.  Schüler,  die  viel  vom  Altertume  der  Griechen
  und  Römer  hören,  bringen  für  den  Unterricht  in  der  Landeskunde  des
Mittelmeergebietes  schon  einen  ansehnlichen  Vorrat  wohlverwertbarer  Begriffe
und  örtlicher  Namenkenntnisse  mit,  an  die  der  Lehrer  der  Erdkunde  seine  Belehrungen
  anschließen  und  so  in  gleicher  Zeit  ein  umfassenderes  und  tiefer
gehendes  Wissen  erzielen  kann  als  an  Realschulen,  wo  umgekehrt  beispielsweise
die  bloße  Vertrautheit  mit  der  Aussprache  des  Englischen  oder  mit  chemischen
und  physikalischen  Begriffen  den  Unterricht  in  vielen  Teilen  der  Länderkunde
und  der  Allgemeinen  Geographie  erleichtert.  Die  Tüchtigkeit  mancher  Amtegenossen,
  ob  sie  nun  geschichtlich,  naturwissenschaftlich,  sprachlich  mit  den
Schülern  zu  tun  haben,  die  Unzulänglichkeit  vielleicht  des  einen  oder  anderen
Unterrichts,  alles  das  wirkt  auf  die  zum  Guten  wie  Schlechten  leicht  beeinflußbare
  Schülermenge  ein,  und  der  Lehrer  der  Erdkunde  muß  bei  der  Auswahl
des  Lehrstoffes,  wenn  er  sich  zuvor  über  die  Grundsätze  klar  geworden  ist,  von
denen  er  sich  leiten  lassen  will,  doch  auf  solche  ständig  welchselnden,  äußerst
lebendigen  Verhältnisse  sorgsam  Rücksicht  nehmen,  wenn  er  sich  vor  Enttäuschungen
  und  die  Schüler  vor  einem  Zuviel  wie  Zuwenig  der  Anforderungen
bewahren  will,  muß  auf  solche  Rücksichten  oft  mehr  Wert  legen  als  auf  jene
allgemeinen  Gedanken  tiber  Verschiedenheit  gymnasialer  und  realschulmäßiger
Erdkunde.  Die  Geographie  ist  eine  nachbarreiche  Wissenschaft,  und  der  Unterricht
  in  ihr  ist,  unterstützend  wie  unterstützt,  durch  zahlreiche  Fäden  mit  fast
allen  anderen  Unterrichtsfächern,  selbst  technischen,  z.  B.  mit  dem  Zeichnen,
eng  verknüpft.  Die  Rücksicht  auf  Nachbarfächer  macht  in  der  Tat  Unterschiede
  bei  der  Wahl  und  Behandlung  des  erdkundlichen  Lehrstoffs  an  den
verschiedenen  Schulen  zum  Gebot.