412  Laurz:  Der  erdkundliche  Unterricht.

In  den  einzelnen  Klassen  ist  der  erdkundliche  Unterricht  im  Grunde  genommen
  ebenso  gleich  wie  auf  den  verschiedenen  Schulen;  denn  es  gibt  nur
eine  einheitliche  geographische  Wissenschaft.  Und  doch  ist  er  auf  jeder
Bildungsstufe  ein  anderer;  denn  die  Schüler  sind  andersgeartet  in  Reife
des  Auffassens,  in  Beweglichkeit  des  Gedächtnisses,  in  Art  und  Richtung
der  Anteilnahme  an  erdkundlichen  Gegenständen,  im  Vorrat  an  Begriffen  und
Kenntnissen.  Deshalb  gilt  es,  mit  großer  Sorgfalt  den  Lehrstoff  für  die  einzelnen
Klassen  auszuwählen;  in  den  untersten  muß  sich  der  Lehrstoff  in  den  Schüler,
auf  den  oberen  der  Schüler  in  den  Lehrstoff  finden,  und  der  Lehrer  ist  beide
Male  der  Vermittler.  Aber  die  Hauptarbeit  muß  doch  auch  in  der  untersten
Klasse  das  Kind  leisten;  denn  ohne  eigene  Anschauung  keine  Erdkunde.
Diese  beginnt  deshalb  mit  der  nächsten  Umgebung  des  Schülers,  dem  Zimmer,
Hause,  der  Straße  und  Stadt,  den  Feldern  und  Wäldern  ringsum,  den  Gewässern
im  Tal,  den  Höhen  daneben.  Hier  ist  Heimatkunde  noch  nicht  einmal  Vorstufe
zur  Länderkunde,  sondern  Grundlage  zu  allen  Realien,  Vermittlerin  der  Fähigkeit
  zu  sehen  und  zu  hören,  das  Wahrgenommene  durch  Abstraktionen  in  die
Welt  der  Begriffe  zu  erheben  und  mit  ihm  diskursiv  denkend  zu  schalten.  So  die
analysierende  Heimatkunde  der  Vorschule,  die  keineswegs  die  Aufgabe  hat,  zu
fernen  Ländern  fortzuschreiten,  also  Gebilde  der  Einbildungskraft  oder  tote  Namen
an  die  Stelle  gesunder  Anschauung  treten  zu  lassen.  Deshalb  beschränke  sie  sich
auf  das,  was  das  Kind  wirklich  beobachten  kann.  Ein  Ausgleich  zwischen
dieser  uranfänglichen  Heimatkunde  und  der  Erdkunde  in  der  Sexta  oder  der
ersten,  untersten  Klasse  der  höheren  Schulen  ist  nirgends  bisher  angestrebt.
Und  doch  ist  der  Unterschied  groß,  obwohl  auch  auf  der  Sextanerstufe  zunächst
Heimatkunde  getrieben  wird.  Wie  der  fremdsprachliche  Unterricht  ans  Abstraktionsvermögen
  des  Sextaners,  an  seine  Bereitwilligkeit  bewußter  Aneignung
  fremdartigen  Lernstoffes  unendlich  höhere  Forderungen  stellt,  so  auch  die
erdkundliche  Stunde.  Gewiß  soll  auch  die  Heimatkunde  in  der  Sexta  nicht  alles,
was  sich  von  Wahrnehmungen  an  den  Umkreis  der  Heimat  anknüpfen  läßt,  mit
übergroßer  Fülle  über  das  Kind  ergießen;  aber  andererseits  bietet  kaum  eine
Landschaft  die  ausreichende  Fülle  von  Beobachtungen  dar,  die  zur  Erläuterung
erdkundlicher  Grundbegriffe  dienen.  Diese  bilden  jedoch  jetzt  den  Kern  der
Belehrungen.  Was  Quelle,  Bach,  Fluß  und  Nebenfluß  sei,  was  Teich,  See,  Meer,
was  Insel,  Halbinsel,  Küste,  was  Berg  und  Hügel,  Dorf  und  Stadt  bedeute,  das
muß  der  Schüler  lernen,  wenn  nicht  aus  unmittelbarer  Anschauung,  so  doch  aus
Vergleichen  mit  Dingen,  die  ihm  bekannt,  oder  aus  Modellen  und  Abbildungen.
Und  die  Abstraktion  geht  noch  weiter.  Ein  Hauptwert  der  Heimatkunde  in  der
Sexta  beruht  in  der  Vermittelung  des  Kartenverständnisses,  das  bei  Vergleichen
der  Grundrisse  von  Klassenstuben,  vom  Schulhofe  und  Schulhause  und  des
Planes  der  Nachbarstraßen  mit  der  Wirklichkeit  beginnt,  zum  Vergleich  der
Heimatkarte  mit  der  Landschaft  in  der  Umgebung  und  mit  dem  Stadtbilde  fortschreitet.
  Alle  sinnbildlichen  Zeichen,  Farben,  Tönungen  der  Karte  sind  ebenso
wie  die  Bedeutung  des  Maßstabes  zu  begreifen.  Und  noch  weiter  erstreckt  sich
der  Lernstoff  der  Sextaner-Heimatkunde  auf  die  Grundzüge  der  mathematischen