Heimat-  und  Länderkunde  in  unteren  Klassen.  413

und  astronomischen  Geographie  Anfangend  mit  Auf-  und  Niedergang  der
Sonne  und  Gestirne,  mit  den  Himmelsrichtungen,  den  Jahreszeiten,  schreitet  der
Unterricht  fort  bis  zur  Kugelgestalt  der  Erde,  zu  Pol  und  Gleicher,  zu  Längenund
  Breitenkreis,  zu  den  Drehungen  der  Erde,  freilich  nie  in  systematischer
Darstellung,  die  dem  Stoff  möglichst  gerecht  zu  werden  strebt,  vielmehr  so
weit  als  tunlich  auf  sinnliche  Wahrnehmung  zurückgreifend  und  verwoben  in
heimatkundliche  Streifzüge,  am  besten  bei  Gelegenheit  wirklich  ausgeführter
Wanderungen.  Von  der  Heimat  schreitet  der  Unterricht  weiter  for.  Manche
haben  gemeint,  es  sei  naturgemäßer,  nicht  in  räumlicher,  sondern  in  sachlicher
Weise  vorzugehen,  also  nicht  zu  Deutschland,  dann  zu  Europa  zu  kommen,
sondern  zum  einfachsten  Erdteile,  zu  Australien  mit  seiner  leicht  überschaubaren
Gestalt,  seinem  wenig  mannigfaltigen  Oberflächenaufbau,  seiner  politischen  Einheitlichkeit
  und  wirtschaftlich-kulturellen  Großzügigkeit.  Richtige  Gedanken,
die  an  rechter  Stelle  richtig  verwertet  Nutzen  bringen!  Aber  Erdkunde  ist  in
erster  Hinsicht  Wissenschaft  des  Raumes.  In  den  Begriffen  benachbarter  Lage,
geringen  Raumabstandes  stecken  tausend  feine  Beziehungen  klimatischer  und
landschaftlicher  Ähnlichkeit,  wirtschaftlicher  und  kultureller  Verwandtschaft.
Mit  wachsender  Entfernung  wird  Tier-  und  Pflanzenwelt,  Siedelungsform  und
Volksweise  fremdartiger.  Deshalb  schreite  der  in  die  erste  Länderkunde
einführende  Unterricht  vor  Sextanern  von  der  nahen  Heimat  zur  benachbarten
  weiteren  Umgebung  in  immer  sich  dehnenden  Räumen  fort,  indem  zugleich
  dem  Kinde,  so  gut  das  möglich  ist,  ein  Empfinden  für  diese  linien-  wie
flächenhaften  Größen  anerzogen  wird.  Ganz  unmöglich  wäre  es,  bei  der  Auswahl
  des  Lernstoffes  nach  dem  Grundsatz  verwickelterer  physikalischer  und
politischer  Zustände  von  Australien  aus  auf  der  Landkarte  hin  und  her  zu
springen;  denn  im  Grunde  ist  bei  dem  unruhigen  Oberflächenbau,  den  durch  Kultur
ganz  veränderten  Bedingungen  der  bodenständigen  Lebewelt,  bei  dem  viel  verschlungenen
  Wirtschaftstreiben  und  den  verzwickten  politischen  Verhältnissen
Deutschland  eins  der  allerschwerst  zu  verstehenden  Landgebiete  auf  Erden.
—  Belbstverständlich  wählt  die  erste  Länderkunde  aufs  strengste  aus  unter  dem
Gedächtnisstoffe.  Wenn  der  Lehrer  treu  dafür  sorgt,  daß  alle  neu  dem  Schüler
dargereichten  Begriffe  deutlich  anschaubaren  Inhalt  tragen,  und  daß  klare  Vorstellungen
  von  Lage  und  Größe  der  Länder,  von  der  Eigentümlichkeit  der  Landschafts-
  und  Städtebilder,  vom  Volkstreiben  entstehen,  so  wird  er  schon  an  sich
weder  Zeit  noch  Gelegenheit  finden,  übermäßig  viel  Namen  und  Zahlen  einprägen
zu  lassen.  Solch  intensiver  Anbau  der  Wissenschaft  bereits  in  den  ganz  jungen,
kleinen  Köpfen  trägt  reiche  Ernte.  Ein  extensives  Verfahren  mit  viel  Lernen
und  wenig  Begreifen  gleicht  dem  Raubbau  unentwickelter  Feldbestellung;  denn
er  vermag  bei  strengem  Abfragen  ausgebreitete  Ortskenntnisse  zu  erzielen,  die
aber  bald  verloren  gehen  und  auf  die  Dauer  den  Boden  der  kindlichen  Lernfreude
  und  Teilnahme  für  erdkundliche  Gegenstände  erschöpfen.  Vielleicht  gelingt
  es,  schon  in  der  Sexta  nach  einem  halben  Jahr  oder  nach  drei  viertel
Jahren  Heimatkunde  samt  Einführung  in  mathematische  Geographie  und  Kartographie
  einen  ersten  Überblick  über  die  gesamte  Länderkunde  zu  bieten,  in  nuce,