414  Laurs:  Der  erdkundliche  Unterricht.

sowohl  was  die  Beschränkung  auf  wenige  wichtige  Namen  und  Zahlen,  wie  was
die  schon  durchzuführende  Vertiefung  in  die  ursächlichen  Zusammenhänge
zwischen  Boden,  Witterung,  Lebewelt,  Anbau,  Volksart  angeht.  Kinder  fragen
eher  zu  viel  als  zu  wenig  nach  Gründen.  Nur  muß  alle  Erklärung  recht  sinnlich,
so  wenig  abstrakt,  so  wenig  ‚systematisch  wie  möglich  gehalten  sein.  So  schreitet
der  Unterricht  in  den  Unterklassen  äußerlich  fort  vom  Vaterlande  zu  den  europäischen
  Ländern,  zu  den  fremden  Erdteilen,  so  vertieft  er  sich  innerlich  in  den
Stoff,  immer  erschöpfender  auch  in  den  Theorien,  doch  ständig  vorsichtig  in
der  Menge  des  Lernstoffes.  Schülerköpfe  sollen  weder  ÖOrtslexika  noch  Kursbücher
  darstellen;  wohl  aber  soll  der  Schüler  Karte  und  Kursbuch  zu  gebrauchen
lernen.  Jenes  äußerliche  Wissen  erzeugt  im  besten  Falle  dünkelhafte  Halbbildung,
  dies  innerliche  Begreifen  Urteilsfähigkeit  und  Selbständigkeit.  Auch
die  Erkenntnis  der  Wahrheiten  in  der  mathematischen  Geographie  schreitet  in
in  den  unteren  und  Mittelklassen  in  doppelter  Weise  fort.  Die  alten  Beweise
für  die  Erdkugelgestalt  werden  schärfer  gefaßt,  abstrakter  begründet,  und  ganz
Neues  kommt  hinzu:  Datumgrenze,  Geoid,  Polabplattung,  Massenanziehung,
Sonnensystem,  Finsternisse.  Aus  Einzelbeobachtungen,  die  zugleich  im  Dienste
der  Wiederholung  vorhandener  Kenntnisse  während  länderkundlicher  Besprechungen
eingeschaltet  werden,  erwächst  in  Synthese  allmählich  ein  wohl  in  sich  geschlossenes
  mathematisch-geographisches  System.  Doch  tut  auch  hier  wie  bei  der
Länderkunde  selbst  auf  höheren  Stufen  der  Mittelklassen  noch  weise  Beschränkung
  not  in  der  Wahl  der  Namen  wie  der  Zahlen,  besonders  der  vergänglichen;
denn  wie  die  Berechnung  mancher  Flächengrößen,  Flußlängen,  Berghöhen,  wie
die  Einwohnerzahl  von  Ländern  und  Städten  ändert  sich  mit  fortschreitender
Durchforschung  des  Himmels  die  Zahl  der  kleinen  Planeten  wie  mancher  Planetmonde
  und  anderer  Größen  in  der  mathematisch-astronomischen  Geographie.
Zahlen  müssen  vor  allem  der  Vertiefung  in  die  Eigenart  der  Dinge  dienen,  nicht
äußerliches  Tatsachenwissen  darstellen,  müssen  also  vergleichbar  sein,  anschaulichen
  Wirkungen  zugute  kommen.  Wenn  eingeführte  Lehrbücher  allen  diesen
Anforderungen  nicht  durchweg  entsprechen,  wird  der  Lehrer  sie  in  dieser  Hinsicht
  zu  bereichern  oder  zu  verkürzen  haben.  Besonders  schwierig  ist  die  Stoffwahl
  in  den  obersten  Klassen,  wo  es  selbständigen  Erdkundeunterricht  nur
in  vereinzelten  Schulen  Deutschlands  gibt,  wo  meist  innerhalb  der  Geschichtsstunden
  Wiederholungen  angestellt  werden  sollen  und  doch  ein  Lehrbuch  fehlt,
das  sie  erleichtern  könnte.  Der  Unterricht  hängt  hier  ganz  von  der  Persönlichkeit
  des  Lehrers  ab.  Entweder  er  sucht  durch  äußerliches  Einpauken  frühere
Kenntnisse  vor  Verschwinden  zu  bewahren  und  macht  sich  und  seinen  reifen
Zöglingen  dadurch  die  Freude  am  Gegenstande  zunichte,  oder  er  bietet  geistreiche
  Über-,  Vor-  und  Rückblicke  bei  ständig  abnehmendem  tatsächlichen
Wissen  der  Schüler,  oder  aber  er  schaltet  diese  mühsamen  und  ertragarmen
Wiederholungen  tunlichst  ganz  aus.  Als  Ziel  dieses  Unterrichts  schwebt  einzig
vor  Augen:  die  Schüler  sollen  Nutzen  davon  haben.  Da  fragt  sich  vor  allem,
wie  es  mit  ihren  Vorkenntnissen  steht,  also  wie  ihr  früherer  Unterricht  beschaffen
  war.  Ist  länderkundliches  Wissen  vorhanden,  so  würde  die  Gruppierung